Unser Leben braucht Regen

Klimabrief aus Somalia

Die Klimakrise bedroht weltweit Lebensgrundlagen – am stärksten dort, wo Menschen ohnehin unter schwierigen Bedingungen leben. Mit unseren Klimabriefen geben wir Betroffenen eine Stimme und zeigen auf, wie gemeinsames Handeln wirkt: In ausgewählten Beispielen berichten wir über Projekte, die Menschen im Globalen Süden dabei unterstützen, den Folgen extremer Naturereignisse zu begegnen und ihre Lebensräume nachhaltig zu schützen.

Im folgenden Klimabrief berichtet Amina wie extreme Dürre ihr Leben und das ihrer Kinder im Nordosten Somalias beeindrächtigt. Wegen veränderter Wetterbedingungen durch den Klimawandel sind Hunger und Durst zu deren Alltag geworden.

© Ahmed Osman / Oxfam

Liebe Leser:innen,

mein Name ist Amina*. Ich lebe mit meinem Mann und unseren acht Kindern im Nordosten Somalias. Früher war unser Zuhause dort, wo unsere Tiere grasten. Wir züchteten Vieh und besaßen mehr als 500 Ziegen und Schafe. Sie waren unsere Lebensgrundlage, unsere Arbeit und unsere Zukunft.
Davon sind uns nur noch etwa 30 Ziegen geblieben. Die Dürre hat uns fast alles genommen.

Jahr für Jahr blieb der Regen aus. Die Erde wurde hart und rissig, Pflanzen verdorrten, Wasserstellen trockneten aus und unsere Tiere fanden weder ausreichend zu fressen noch zu trinken. Ein Tier nach dem anderen starb. Mit ihnen verloren wir unsere Lebensgrundlage.

Wir musste wegen der Dürre unser Zuhause verlassen und sind in ein Dorf namens Dhudub Dhilo gekommen. Wir nahmen die Kinder und trugen unsere wenigen Habseligkeiten auf dem Rücken. Es gab kaum noch Wasser und wir hatten fast keine Tiere mehr. Wir dachten, wir würden nur kurze Zeit bleiben und nach dem nächsten Regen zurückkehren, wenn die Pflanzen wieder wuchsen und die Wasserstellen für Tiere sich füllten. Doch der Regen kam nicht zurück.

Heute leben wir zu zehnt in einer kleinen Hütte aus Ästen, Planen und alten Getreidesäcken. Wir sind Binnenvertriebene. Vertriebe von den Auswirkungen der Klimaveränderungen, die wir nicht zu verschulden haben.

Alle zwei Tage gehe ich zum Wasserreservoir. Ich hole 40 Liter Wasser – zum Trinken, Kochen, Waschen und für unsere wenigen Ziegen. Oft trage ich dabei mein Baby auf dem Rücken. Zu Beginn dieser Zeit war es erst sieben Monate alt. Das Wasser ist schwer. Ohne die Schubkarre, die wir uns mit anderen Familien teilen, wäre dieser Weg kaum zu schaffen.

Meine beiden älteren Töchter verbringen viele Stunden im trockenen Hinterland. Es ist ihre Aufgabe, unsere übrigen Ziegen zu hüten. Nur mein ältester Sohn kann zur Schule gehen. Er ist körperlich beeinträchtigt und braucht Unterstützung auf dem Schulweg. Ich wünsche mir so sehr, dass auch meine Töchter zur Schule gehen und eine richtige Ausbildung bekommen können. Ich möchte, dass sie einmal mehr Möglichkeiten haben als ich.
Im Dorf gibt es keine Gesundheitsstation. Wenn jemand schwer krank wird, muss er acht Stunden zu Fuß und mit dem Bus bis zur nächsten Stadt reisen. Manche Menschen überleben diesen Weg nicht.

Am meisten schmerzt mich der Hunger. Manchmal müssen wir hungern, so wie letzte Nacht. Ich konnte nichts für meine Kinder kochen. Heute Morgen haben wir etwas gefrühstückt, doch seitdem haben sie nichts mehr gegessen. Und der Tag neigt sich dem Ende. Oft kann ich nur eine Mahlzeit am Tag zubereiten, meistens Reis oder Nudeln. Zu dieser Jahreszeit, jetzt im Juli, geben unsere Ziegen noch keine Milch. Ich warte sehnsüchtig darauf, dass ihre Lämmer geboren werden und meine Kinder wieder frische Milch trinken können.

Viele Familien hier leiden noch mehr als wir. Manche haben keinen Zugang zu Wasser und gehen durstig schlafen. Die meisten wissen morgens nicht, ob sie an diesem Tag etwas zu essen finden werden.

Die schwere Wasserkrise wird durch den Klimawandel immer schlimmer. Wir haben kaum etwas zu dieser Krise beigetragen. Trotzdem sind wir diejenigen, die ihre Folgen jeden einzelnen Tag spüren. Die Menschen, die am wenigsten für die Klimakrise verantwortlich sind, leiden am stärksten unter ihren Auswirkungen.

Doch wir sind nicht allein. Oxfam unterstützt Familien wie meine mit sauberem Wasser, Latrinen und Hygienemaßnahmen, damit Krankheiten sich nicht weiter ausbreiten. Außerdem erhalten wir Bargeldhilfen. So können wir selbst entscheiden, was unsere Familien gerade am dringendsten brauchen, wie etwa Lebensmittel, Trinkwasser oder andere lebenswichtige Dinge. Diese Unterstützung gibt uns ein Stück Würde zurück.

Gleichzeitig hilft das Projekt dabei, unsere Gemeinden widerstandsfähiger gegen zukünftige Dürren zu machen. Die Wasserversorgung wird verbessert und Familien werden dabei unterstützt, ihre Lebensgrundlagen wieder aufzubauen. Denn wir möchten nicht dauerhaft von Hilfe abhängig sein. Wir möchten wieder selbst für uns und unsere Kinder sorgen können.

Trotz aller Schwierigkeiten habe ich somit Hoffnung. Ich hoffe auf den Tag, an dem meine Kinder satt ins Bett gehen. Auf den Tag, an dem meine Töchter statt Ziegen zu hüten in einem Klassenzimmer sitzen. Auf den Tag, an dem wir keine Angst mehr vor der nächsten Dürre haben müssen.
Wenn Sie diesen Brief lesen, dann wissen Sie jetzt, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht. Ein Familienmitglied aus einer Familie wie meiner.

Herzliche Grüße

Amina

* Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verwenden wir in diesem Text ein Pseudonym. Aminas Geschichte steht exemplarisch für die Lebensrealität vieler Frauen in Somalia.

Einblicke aus Somalia

Somalia

Somalia ist aufgrund der geographischen Lage zunehmend den Auswirkungen der Klimaveränderung und Interaktionen von Klimaphänomenen wie La Niña ausgesetzt, die am Horn von Afrika häufig dazu führen, dass saisonale Regenfälle schwächer ausfallen oder ganz ausbleiben. Grundwasserbestände versalzen zunehmend durch unzureichende Neubildung sowie den Anstieg des Meeresspiegels. Anhaltende Konflikte und mangelnde Infrastruktur verhindern eine angemessene Anpassung der Menschen an diese spürbaren Klimaveränderungen. Zuletzt verschlechterte sich in Somalia die Ernährungsunsicherheit weiter rapide, wobei zwischen April und Juni 2026 schätzungsweise 5,5 Millionen Menschen unter akutem Hunger litten.

Logo Klimabrief. Auf einer grünen Briefmarke steht das Wort Klimabrief.

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