Wenn der Regen nicht mehr den Jahreszeiten folgt

Klimabrief aus Nepal

Die Klimakrise bedroht weltweit Lebensgrundlagen – am stärksten dort, wo Menschen ohnehin unter schwierigen Bedingungen leben. Mit unseren Klimabriefen geben wir Betroffenen eine Stimme und zeigen auf, wie gemeinsames Handeln wirkt: In ausgewählten Beispielen berichten wir über Projekte, die Menschen im Globalen Süden dabei unterstützen, den Folgen extremer Naturereignisse zu begegnen und ihre Lebensräume nachhaltig zu schützen.

In dem folgenden Klimabrief aus Nepal berichtet Ramesh Joshi, Technischer Koordinator der Welthungerhilfe, über Landwirt:innen, die in besonders dürregefährdeten Regionen unterstützt werden.

Liebe Leser:innen,

viele Jahre lang wurde das Thema Klimawandel in Nepal – sei es bei Dorfversammlungen, in Regierungsbehörden oder in Foren der Zivilgesellschaft – oft beiseitegeschoben. Die Menschen sagten, es sei eine Naturgewalt oder ein Problem, das nur reiche und industrialisierte Länder verursacht hätten und das auch nur sie betreffe. Selbst als wir erklärten, dass der Klimawandel arme und marginalisierte Gemeinschaften am stärksten trifft, wurden die Warnungen selten ernst genommen.

Das kann heute niemand mehr leugnen.

Ich schreibe Ihnen aus Nepal, einem Land der Berge, Flüsse und Bauerngemeinden, in dem der Klimawandel längst nicht mehr nur auf dem Papier steht, sondern unsere Küchen, Felder und Gräber erreicht hat. Er ist Teil unserer alltäglichen Ängste geworden.

An Orten, an denen früher regelmäßig Monsunregen fiel, ist Dürre heute zur neuen Normalität geworden. Eine Provinz, die traditionell auf regelmäßige Niederschläge angewiesen war, wurde offiziell als dürregefährdet eingestuft. In diesem Jahr wurden selbst während der Monsunzeit nur etwa 30 Prozent der Reisfelder bestellt, im Vorjahr waren es zu gleichen Zeit noch mehr als 70 Prozent. Doch schon jetzt vertrocknen die bestellten Felder. Auch Trinkwasser ist so knapp geworden, dass viele Gemeinden nun auf Wassertankwagen angewiesen sind, um zu überleben.

Für uns bedeutet der Klimawandel, dass wir mit ansehen müssen, wie unsere Ernten verdorren, dass wir längere Wege zurücklegen müssen, um Wasser zu holen, und dass wir uns fragen, wie wir unsere Familien in der nächsten Saison ernähren sollen.

Gleichzeitig kommt der Regen, wenn er kommt, mit erschreckender Kraft.

Im Osten Nepals verursachten die späten Monsunregenfälle kürzlich verheerende Überschwemmungen und Erdrutsche in den Provinzen Koshi, Madhesh und Bagmati. Mindestens 47 Menschen verloren innerhalb von nur zwei Tagen ihr Leben. Allein im Bezirk Ilam kamen 37 Menschen durch Erdrutsche ums Leben, darunter 20 Frauen und acht Kinder. Ganze Familien wurden im Schlaf verschüttet.

Eine Geschichte verfolgt uns noch immer. Die 70-jährige Sharada Devi Sedhain und ihre Tochter Indra lebten in einem Haus auf einem Grundstück, das alle für sicher gehalten hatten. Niemand hätte jemals mit einem Erdrutsch an dieser Stelle gerechnet. Aber unerbittliche Regenfälle verwandelten in der Nacht einen Bewässerungskanal oberhalb ihres Hauses in einen Schlammstrom. Am Morgen war ihr Haus verschwunden. Mutter und Tochter starben im Schlaf.

Ein Nachbar sagte: „Diese Katastrophen verschonen nicht einmal mehr flaches oder abschüssiges Gelände.“

Im nahe gelegenen Bezirk Jhapa vertrieben die Überschwemmungen mehr als 25.000 Menschen und setzten fast 5.500 Häuser unter Wasser. Die Familien wachten, umgeben von Wasser, auf und hatten das Gefühl, mitten im Meer geschlafen zu haben. Schulen und Gemeindegebäude dienen nun als Notunterkünfte. Vieh, Ernten, Straßen und Stromleitungen wurden zerstört. Meteorolog:innen sagen, es sei die größte Überschwemmung in der Region seit einem Jahrzehnt gewesen.

Diese Ereignisse sind keine Einzelfälle. Sie werden immer häufiger, unvorhersehbarer und tödlicher.

In abgelegenen Bergregionen wie Mugu in der Provinz Karnali zerstört der Klimawandel still und leise die Nahrungsmittelsysteme. Der Schnee schmilzt jetzt später als früher, was die Aussaat verzögert und die Vegetationsperiode verkürzt. Die Bäuer:innen berichten, dass die Erträge von Äpfeln und Walnüssen um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen sind, während die Getreideproduktion in den letzten Jahren um etwa 25 Prozent gesunken ist. Ernten, die früher ein Jahr lang reichten, reichen jetzt kaum noch für sechs Monate. Junge Menschen wandern ab, Traditionen verblassen, und Gemeinden kämpfen darum, zusammenzubleiben.

Laut dem nepalesischen Ministerium für Hydrologie und Meteorologie ist ein Großteil unseres Landes derzeit mit unterdurchschnittlichen Niederschlägen und steigenden Temperaturen konfrontiert. In Provinzen wie Karnali, Sudurpaschim, Madhesh, Bagmati, Lumbini und Koshi liegt die Wahrscheinlichkeit für einen überdurchschnittlich geringen Winterregen bei 55 bis 65 Prozent. Das ist nicht nur eine Prognose auf dem Papier. Es bedeutet trockene Felder, schwindende Wasserquellen und Familien, die sich fragen, wie sie die nächste Saison überstehen sollen, während in ganz Nepal sowohl die Tage als auch die Nächte immer heißer werden.

Ein älterer Bauer dort erzählte uns: „Früher war dieser Schnee unser Wasserspeicher. Jetzt kommt er zu spät und schmilzt zu schnell.“

Der Klimawandel wird heute in Nepal mehr denn je diskutiert. Es gibt politische Maßnahmen, Strategien und Pläne. Frühwarnsysteme haben an einigen Orten Leben gerettet. Aber die Kluft zwischen Politik und Realität bleibt groß, insbesondere für abgelegene Bäuer:innen, Frauen und arme Menschen. Hilfe kommt oft zu spät oder gar nicht.

Als Entwicklungshelfer:innen und Partner der Gemeinden versuchen wir, darauf zu reagieren. Wir fördern klimaresistente Landwirtschaft, Wasserschutz, diversifizierte Anbaukulturen und lokale Lösungen, die den Menschen helfen, sich anzupassen. Diese Bemühungen sind vielversprechend, aber gemessen am Ausmaß der Krise, mit der wir konfrontiert sind, nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Unsere größte Herausforderung besteht darin, dass Klimaschocks schneller eintreten, als wir ihnen begegnen können. Armut, fragile Infrastruktur, schwierige geografische Gegebenheiten und begrenzte Ressourcen machen die Anpassung extrem schwierig. Gemeinden, die fast nichts zu den globalen Emissionen beigetragen haben, zahlen den höchsten Preis.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, unterstützt die Welthungerhilfe (WHH) Nepal in Zusammenarbeit mit lokalen und nationalen NGOs sowie der nepalesischen Regierung Landwirte in dürregefährdeten Gebieten. Dazu zählen klimaresistenten Lösungen wie Gewächshausanbau, dürreresistenten Pflanzen, biologischen Pestizide, Tröpfchenbewässerung und Wasserauffangteichen.

Für Hira Devi Raut aus Mugu hat diese Unterstützung ihr tägliches Leben verändert. Zum ersten Mal baut sie in ihrem eigenen Küchengarten Gemüse an und versorgt ihre Familie das ganze Jahr über mit frischen Lebensmitteln. Vorher konnten sie und ihre Nachbar:innen nur einmal im Jahr, im Sommer, Gemüse anbauen.

Auch Hark Bohara und seine Frau verdienen ihren Lebensunterhalt nun mit dem Verkauf von Gemüse aus dem Tunnelanbau. Früher zog Hark saisonal nach Indien, um dort zu arbeiten. Heute ist ihr Tunnel nicht nur ein Bauernhof, sondern ihre Lebensgrundlage. „Jetzt verdienen wir zu Hause Geld“, sagt seine Frau, „und unsere Kinder essen auch besser.“

Deshalb schreibe ich diesen Brief heute nicht, um Mitleid zu erregen, sondern um Gerechtigkeit zu fordern.

Wir brauchen dringend stärkere lokale Maßnahmen, echte Investitionen in Anpassungsmaßnahmen und Klimafinanzierungen, die die am stärksten betroffenen Gemeinden erreichen. Wir brauchen Regierungen – sowohl in Nepal als auch im globalen Norden –, die denen zuhören, die täglich mit den Folgen des Klimawandels leben. Globale Versprechen müssen in lokalen Schutzmaßnahmen umgesetzt werden.

Der Klimawandel ist für uns keine zukünftige Bedrohung mehr.
Er ist unsere gegenwärtige Realität.

Und wenn wir nicht jetzt gemeinsam handeln, wird er unsere Zukunft auf eine Weise bestimmen, die sich niemand von uns leisten kann.

Mit Hoffnung und Dringlichkeit

Ramesh Joshi, Technischer Koordinator WHH, Nepal

Einblicke aus Nepal

Nepal

Nepal ist ein bergiges Binnenland, in dem über 60 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben. Steigende Temperaturen, unregelmäßige Monsune, Überschwemmungen, Erdrutsche und Dürren nehmen an Häufigkeit und Intensität zu. Obwohl Nepal weniger als 0,1 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verursacht, gehört es zu den klimavulnerabelsten Ländern der Welt.

Logo Klimabrief. Auf einer grünen Briefmarke steht das Wort Klimabrief.

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