„Familien werden durch die Überschwemmungen zurück in extreme Armut rutschen”

21. Oktober 2020

Starke Regenfälle haben in weiten Teilen des afrikanischen Kontinents zu schweren Überschwemmungen geführt. Besonders betroffen ist dabei der Binnenstaat Niger. Dort sind etwa 550.000 Menschen von den Überschwemmungen betroffen. Die Fluten haben dort bereits zu einer Verschärfung der humanitären Lage und zu einem Anstieg an internen Vertreibungen, insbesondere in den Konfliktregionen des Landes, geführt. Obgleich die Auswirkungen der Corona-Krise im Niger bislang vergleichsweise mild ausfielen, ist eine weitere Verschärfung der Situation durch die Pandemie durchaus möglich. Durch den Klimawandel ist künftig verstärkt mit extremen Naturereignissen in der Sahel-Region zu rechnen und die Folgen des Klimawandels ziehen oft andere Krisen nach sich. Boureima Adamou, Country Director der Christoffel-Blindenmission (CBM) im Niger, beschreibt im Interview die aktuelle Situation vor Ort.

Boureima Adamou, Country Director der Christoffel Blindenmission im Niger

Boureima Adamou © Adamou / CBM

Was denken Sie hat neben den außergewöhnlich starken Regenfällen die Überschwemmungen in der Region begünstigt?

Boureima Adamou: Eine Rolle spielen sicherlich die schädlichen Umweltauswirkungen menschlichen Handelns wie die Abholzung von Wäldern, unkontrollierte Urbanisierung und die Ausbeutung von Ackerland, was Überschwemmungen begünstigen kann und zunehmend auch zu einer Verschlammung von Flussbetten führt. Dies zeigt sich etwa beim Fluss Niger und seinen Nebenflüssen. Auch die Auswirkungen des Klimawandels machen sich in der Sahel-Region in den letzten Jahren verstärkt bemerkbar.

Welche Nothilfemaßnahmen werden vor Ort durchgeführt?

Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen plant die CBM derzeit gezielte Hilfsmaßnahmen für besonders vulnerable Personen und Haushalte, insbesondere für Menschen mit Behinderungen. Dabei geht es um die Wiederherstellung der teils zerstörten und beeinträchtigten Lebensgrundlagen der betroffenen Menschen. Dazu gehört zunächst eine Situations- und Bedarfsanalyse, die gemeinsam mit lokalen Partnern durchgeführt wird.

Was sind die Folgen der Überschwemmungen für die lokale Bevölkerung und welche Gruppen sind besonders davon betroffen?

Bemühungen und Investitionen zur Verbesserung der Lebenssituation vor Ort durch die betroffenen Familien, Gemeinden, Behörden und Partner sind durch die Überschwemmungen weit zurückgeworfen worden. Einige Familien werden durch die Schäden der Überschwemmungen auf unbestimmte Zeit zurück in die extreme Armut rutschen. Die sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Folgen für Familien, Kinder und Gemeinschaften sind so weitreichend, dass wir wohl erst durch umfassende Analysen das kurz-, mittel- und langfristige Ausmaß der Situation beurteilen werden können.

Wie ist die Lage für geflüchtete und binnenvertriebene Menschen im Niger?

Finanzielle und materielle Hilfsgüter werden zwischen den aufnehmenden Gemeinden sowie den Geflüchteten und Binnenvertriebenen vor Ort aufgeteilt. Weiterhin gibt es viele Menschen in Not, die auf Hilfe warten. Die Aufmerksamkeit der finanziellen Geber und der humanitären Akteur*innen wird nun zwischen den neuen Betroffenen der Überschwemmungen und den bereits vorher Geflüchteten und Vertriebenen geteilt. Hierbei müssen die Bedarfe und Prioritäten neu ermittelt werden.

Was kann getan werden, um die gesellschaftliche Anfälligkeit gegenüber Überschwemmungen und anderen extremen Naturereignissen zu reduzieren und um Bewältigungskapazitäten zu stärken?

Ich persönlich glaube, dass wir insbesondere in die Stärkung der Bewältigungskapazitäten von Individuen und Gemeinschaften investieren müssen. Zudem besteht auch die Notwendigkeit, in partizipative Katastrophenvorsorgepläne und Notfallablaufpläne auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene zu investieren.

Was wünschen Sie sich als Country Director von der internationalen Staatengemeinschaft?

Vor allem erhoffe ich mir finanzielle, materielle und technische Unterstützung für den Wiederaufbau und die Stärkung der Lebensräume und Lebensgrundlagen der betroffenen und bedrohten Familien und Gemeinden. Um wirksam zu sein, muss die Hilfe auf einem Multi-Akteurs-Ansatz, geformt aus Regierungen, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und gemeindebasierten Organisationen, aufbauen. Nach der Phase des Wiederaufbaus von Lebensgrundlagen und Lebensräumen muss die internationale Gemeinschaft in Ländern wie dem Niger eine gute Regierungsführung fördern. Schließlich hoffe ich, dass die Staaten der internationalen Gemeinschaft den Kapazitätsaufbau für Akteur*innen der Entwicklung und humanitären Hilfe weiterhin unterstützen werden. Um die Nachhaltigkeit der bisherigen Errungenschaften und Investitionen zu gewährleisten, müssen Übergangsprogramme zwischen humanitärer Hilfe und struktureller und nachhaltiger Entwicklung gefördert und finanziert werden.

Was muss getan werden, um die Situation der Menschen im Hinblick auf Klima- und Umweltextreme langfristig zu verbessern?

Um etwa die lokale Viehzucht und den Gemüseanbau gegenüber klimatischen Veränderungen widerstandsfähiger zu machen, bedarf es mehr Forschung in der Landwirtschaft. Dabei gilt es, sich möglichst an die klimatischen Veränderungen hinsichtlich des Niederschlags und der Sonneneinstrahlung anzupassen und die klimatischen Veränderungen bestmöglich zu nutzen. Etwa könnte man auf sogenanntes „Market Gardening“ mit Solarstrom umsteigen, anstatt sich nur von Feldfrüchten mit hohem Wasserbedarf abhängig zu machen. Auch die verbesserte Sammlung und Aufbereitung von Regenwasser für eine höhere Trinkwasserqualität ist insbesondere für Kinder sowie für schwangere und stillende Frauen sinnvoll. Neben der Bearbeitung der Klimakrise muss gleichzeitig auch die Resilienz von Städten vorangetrieben werden. Strukturelle Verbesserungen, etwa im Bildungssektor und im Gesundheitswesen müssen ebenfalls gefördert werden. Diesbezüglich gilt es auch gute Regierungsführung nachhaltig zu stärken.

Das Interview führte Ruben Prütz, Referent Themen & Information