„Man muss sich das Ausmaß der Krise bewusst machen“

4. Januar 2018

Zweiter Teil: Notlindernd und inklusiv – Die Hilfe von CDD für die Rohingya

Der Schwerpunkt der Arbeit von CDD sind Menschen mit Behinderungen. Wie gestaltet sich die Arbeit von CDD in den Aufnahmecamps? Was sind ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für Menschen mit Behinderungen, ob geistig oder körperlich, in so einer Situation?

Eine der größten Herausforderungen für Menschen mit Behinderungen ist die veränderte Umgebung, vor allem wenn es um den Zugang zu Hilfe oder um Mobilität geht. Das Verständnis vieler Organisationen für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ist begrenzt, daher gibt es nur sehr wenige inklusive Angebote. Selbst wenn vorgesehen ist, dass alle Angebote inklusiv sein müssen, so wird dies in der alltäglichen Arbeit nicht immer umgesetzt.

Einige humanitäre Organisationen berücksichtigen Menschen mit Behinderungen im Planungsprozess nicht. Sie berücksichtigen sie nicht, wenn sie ihre Programme planen, wenn sie ihre Budgets aufstellen und, wenn sie ihre Projekte durchführen. Das steigert das Risiko enorm, Menschen mit Behinderungen auszuschließen. Erschwerend kommt hinzu, dass Organisationen Menschen mit Behinderungen häufig vor allem als Leistungsempfänger sehen. Die Programmplaner verstehen nicht, dass Menschen mit Behinderungen zur Lösung von Problemen beitragen können, dass sie von Beginn an in alle Prozesse eingebunden werden müssen. Das ist letztlich eine Frage der Geisteshaltung seitens jener, die solche Prozesse planen.

Unserer Ansicht nach ist aber, wie gesagt, Mobilität die größte Herausforderung. Einige brauchen dafür Hilfe, z.B. in Form eines Rollstuhls. Wir haben zum Beispiel einen Mann getroffen, der auf der Flucht seinen Rollstuhl verloren hat. Er ist nun völlig bewegungsunfähig und dadurch hat er keinerlei direkten Zugang zu Nahrung oder medizinischer Versorgung, die er dringend benötigt. Viele von ihnen sind dauerhaft auf Therapie angewiesen und es ist sehr schwer für sie, Zugang zu solchen Angeboten zu bekommen. Dies sind aktuell einige der größten Herausforderungen in unserer Arbeit.

Weitergehend ist der Mangel an Daten und Statistiken einer der größten Herausforderung in der Katastrophenhilfe für behinderte Menschen. Ohne gute Datenlage ist es sehr schwierig, behinderten-inklusive Programme, Projekte und Maßnahmen zu planen. Ein Beispiel: In den Camps in Cox’s Bazar gibt es viele Menschen mit Behinderungen. Aber, wo genau befinden sie sich? Was genau benötigen sie? Außerdem gibt es eine Diskrepanz zwischen Männern und Frauen. Zwei Drittel der behinderten Menschen, die zu uns kommen, sind Männer. Wo sind die Frauen? Warum kommen sie nicht zu uns?

Kinder freuen sich über die Hilfsgüter und tragen sie zurück ins Camp. © CDD / CBM

In vielen Gesellschaften sind Menschen mit Behinderungen stigmatisiert. Inwieweit beeinflusst das ihre Arbeit?

Stigmatisierung ist definitiv ein Problem, auch unter den Rohingya selbst. Das drückt sich beispielsweise darin aus, dass sie jene Familienmitglieder, die behindert sind, nicht zu uns bringen, oder auf die Krankenstationen. Das wiederum führt dazu, dass die humanitären Organisationen sich der Menschen mit Behinderungen und ihrer speziellen Bedürfnisse nicht bewusst sind, ganz einfach, weil sie sie nicht sehen. Wenn man Menschen mit Behinderungen nicht sieht, dann richtet man seine Programme nicht auf sie aus. Folglich suchen Menschen mit Behinderungen keinen Kontakt zu solchen Organisationen und diese machen weiterhin keine Angebote für Menschen mit Behinderungen.

Aus diesem Grund haben wir uns auch entschlossen, Kontakt zu den humanitären Organisationen vor Ort aufzunehmen. Unser Ziel ist es, ihr Bewusstsein dafür zu steigern, dass es unter den geflüchteten Rohingya Menschen mit Behinderungen gibt. Die ersten Reaktionen der Partnerorganisationen waren sehr positiv. Sie sind sehr daran interessiert, mehr zu erfahren und Inklusion in ihre Programme aufzunehmen. Aber sie brauchen handfeste Unterstützung, bei jedem Schritt der Planung. Zunächst möchten wir daher Trainings anbieten, damit die anderen Organisationen die notwendigen Kapazitäten aufbauen können. Im Bereich Gesundheit, im Bereich Bildung, im Bereich Arbeit, oder wenn es um technische Fragen geht, immer ist es unser Ziel, dass die Strukturen inklusiver werden. Wir alleine, CDD, können die Aufgabe der Inklusion nicht bewältigen. Selbst wenn wir 300 Mitarbeiter hätten, könnten wir nicht alle Menschen mit Behinderungen erreichen. Aber wenn wir es schaffen, andere Organisationen für das Thema zu sensibilisieren, dann können wir wesentlich mehr Menschen erreichen.

 

< Zurück zu Teil 1Weiterlesen Teil 3 >