Ein Ort, der etwas Struktur und Gemeinschaft gibt

Markstand in Simbabwe an dem Tomaten verkauft werden
Die steigenden Lebensmittelpreise treffen auch die Menschen in Simbabwe schwer. Viele können sich Grundnahrungsmittel schlichtweg nicht mehr leisten. Besonders vulnerable Familien und Einzelpersonen werden mit monatlichen Geldtransfers und Gutscheinen unterstützt. © Brazier / Welthungerhilfe
Kinder sitzen unter einer einfachen Plane
Nach einem verheerenden Beben im Juni 2022 in Afghanistan werden die Menschen in der betroffenen Region mit dringend notwendigen Lebensmitteln versorgt, darunter Pakete mit Reis, Hülsenfrüchten, Speiseöl, Salz und Gewürzen oder mit verzehrfertiger Trockennahrung. © terre des hommes
Zwei Männer begutachten Saatgut.
In Burkina Faso unterstützt eine Partnerorganisation Landwirt:innen darin, ihr Auskommen mithilfe von Methoden ökologischer Landwirtschaft zu sichern. © Christoph Püschner / Brot für die Welt
Gurken nach der Ernte
In Gaza und Westjordanland sind 75 Prozent der Haushalte von Landwirtschaft und Viehzucht abhängig. Um diese fortführen zu können und Einkommen zu sichern, unterstützen Partner bei der Wiederherstellung von Trinkwassernetzwerken und begleiten Bäuer:innen bei der Umsetzung landwirtschaftlicher Bewässerungsmodelle und -technologien. © Suhaib Jarrar / Oxfam
Junge Frau vor einer Hütte in Somalia
Faisa musste aufgrund der zunehmenden Dürre ihre Heimat verlassen und lebt jetzt in einem Geflüchteten-Camp in Somalia. Dort drohen insbesondere Mädchen und Frauen geschlechterspezifische Gewalt. Trainingsprogramme sollen die Frauen darin stärken ihre Rechte zu kennen und sich vor Übergriffen zu schützen. © Ali Jibril / Plan International
Nach Kriegsbeginn in der Ukraine hat Concordia Moldova, ein Partner des Bündnis-Mitglieds Kindernothilfe in Tudora im Südosten der Republik Moldau innerhalb nur weniger Stunden Versorgungsangebote für geflüchtete Menschen aus der Ukraine aufgebaut und unterstützt seitdem Familien, die in der Region unterkommen. Ein Bericht des Besuchs nahe der moldawisch-ukrainischen Grenze im Mai 2022.Ein Bericht von Lotte Kirch

In Chişinău, der Hauptstadt der Republik Moldau, startet unser Besuch im Büro von Concordia Moldova, einer Partnerorganisation der Kindernothilfe. Concordia Moldova organisiert in der ganzen Republik vor allem Sozialprojekte für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen. Von Chişinău fahren Viorica, eine der beiden Direktorinnen von Concordia Moldova und ihre für die Pressearbeit zuständige Kollegin Ana mit mir und einem Fotografen zunächst in den Südosten des kleinen Landes nahe der ukrainischen Grenze. Schilder mit „Stop War“ und dem bekannten Hashtag StandWithUkraine säumen die Straße, die aus der Stadt hinaus aufs Land führt. Die Unterschiede zwischen der Hauptstadt als Zentrum des Landes und den sonst überwiegend ländlichen Regionen werden auf dem Weg Richtung Südosten schnell erkennbar. Während in Chişinău dicht bebaute Flächen, viel Verkehr, Geschäftigkeit und Werbeschilder den Eindruck dominieren, sind die ländlichen Regionen von vereinzelten kleinen Dörfern, eher kleiner Landwirtschaft und viel Natur geprägt und hinterlassen einen ruhigeren Eindruck.

Unser erstes Ziel ist Palanca nahe der Grenze. Viele Menschen aus der Ukraine haben den Grenzübergang bei Palanca genutzt, um in die Republik Moldau zu fliehen. Seit Kriegsbeginn gab es laut UNHCR, der Flüchtlingshilfsorganisation der Vereinten Nationen, über 490.000 Grenzübertritte in die Republik Moldau. Viele Ukrainer:innen sind inzwischen weiter in europäische Länder geflohen oder in die Ukraine zurückgekehrt. In der Republik Moldau sind derzeit rund 86.000 Ukrainer:innen untergekommen. Die ersten Tage an der Grenze waren sehr chaotisch, erzählt uns Viorica. Im Februar war es noch sehr kalt, Menschen mussten lange ausharren und die Situation an der Grenze war unübersichtlich. Unter Leitung von UNHCR wurde noch im Februar in Palanca eine erste Aufnahmestation errichtet, um die Menschen erst zu versorgen und die weitere Hilfe zu koordinieren. Auch Concordia Moldova hat die Aktivitäten für die Geflüchteten unmittelbar ausgeweitet und weiterhin in der Aufnahmestation aktiv.

Die Schwere der Situation ist trotz der wenigen Menschen in der Aufnahmestation spürbar.

Vor dem strahlend blauen Himmel wirken die weißen Zelte auf dem großen Gelände mit viel Abstand fast ein wenig verloren. Bei unserem Besuch sind die meisten Unterkunftszelte leer und nur wenige Menschen auf dem Gelände, überwiegend Mitarbeiter:innen der Organisationen und Freiwillige, die bereitstehen, um ankommende Menschen zu versorgen. Im Vergleich zu den ersten Wochen kommen inzwischen deutlich weniger über die Grenze. In der Aufnahmestation erhalten die ankommenden Menschen hier zum Beispiel warme Mahlzeiten, Snacks oder Hygieneartikel, die unter anderem Concordia bereitstellt und verteilt. Zudem gibt es Sanitäranlagen und Informationsmaterial zu weiteren Transportmöglichkeiten sowie Busse nach Chişinău oder auch direkt in andere europäische Länder wie Deutschland. Am Rand eines großen Versorgungszelts weist ein kleines Schild die Richtung zu einer tierärztlichen Versorgung. Insgesamt herrscht eine angespannte Ruhe. Die Schwere der Situation ist trotz der wenigen Menschen in der Aufnahmestation spürbar.

Von der Aufnahmestation geht es in das nahe gelegene Dorf Tudora. In Tudora betreibt Concordia Moldova ein sogenanntes Multifunktionszentrum. Es empfängt uns ein deutlich anderes Bild. Vor dem Zentrum sitzen Menschen beim Lesen zusammen, im Garten spielen Kinder, die Stimmung ist lebendig. Das Multifunktionszentrum ist eines von mehreren Zentren, das Concordia Moldova in der Republik Moldau betreibt. Es gleicht einer Mischung aus Pflegeheim für ältere Menschen, Kinder- und Jugendzentrum und soziale Anlaufstelle für die Dorfbewohner:innen. Ältere Menschen kommen hier unter und werden gepflegt, es gibt Hausaufgabenbetreuung für Kinder und Jugendliche und andere organisierte Aktivitäten, an denen auch Dorfbewohner:innen teilnehmen können. Seit Kriegsbeginn stehen die Türen des Zentrums auch den Geflüchteten aus der Ukraine mit verschiedenen Angeboten offen. Es gibt Zugang zum Internet sowie Computer mit denen Kinder am Online-Unterricht teilnehmen können, den ihre Lehrer:innen aus den Schulen in der Ukraine je nach Region möglichst weiterhin anbieten. Es stehen Duschen und Waschmaschinen zur Verfügung, es gibt Verpflegung und vor allem finden sie bei den Mitarbeitenden des Zentrums ein offenes Ohr und jede Unterstützung, die möglich ist. Seit Kriegsbeginn ist die Leiterin Veronica unermüdlich im Einsatz.

Ein Ort, an dem jeder willkommen ist, der Struktur und Gemeinschaft gibt

Die psychosozialen Angebote baut Concordia Moldova für die geflüchteten Familien mit Unterstützung der Kindernothilfe kontinuierlich aus. Es stehen Räume für Psycholog:innen zur Verfügung und Mitarbeiter:innen erhalten Fortbildungen zu Kinderschutz und Bewältigung von traumatischen Erlebnissen auf der Flucht. Zusammen mit ihren Kolleg:innen haben sie nach den Eindrücken aus unserem kurzen Besuch eine bemerkenswerte Atmosphäre in dem kleinen Zentrum geschaffen. Es wirkt wie ein herzlicher Ort, den die Menschen gerne aufsuchen und an dem sie willkommen sind, ein Ort, der etwas Struktur und Gemeinschaft gibt.

Das Miteinander, was im Zentrum gut funktioniert, könnte im Dorf und in der Region mit zunehmender Dauer des Krieges schwieriger werden, berichtet uns Veronica. Viele Einwohner:innen der Region leben selbst in einfachen Verhältnissen. Sie haben ihre Häuser geöffnet, Menschen aufgenommen, aber je länger der Krieg und damit der Aufenthalt dauert, desto herausfordernder wird die Unterbringung und Versorgung für die Aufnehmenden, die oft selbst nicht viel haben. Es ist elementar für die Region, dass die Hilfsprogramme von internationalen Organisationen aufnehmende Gemeinschaften mitberücksichtigen und Ressourcen für deren Unterstützung zur Verfügung stellen, erläutert Veronica aufbauend auf ihren Erfahrungen aus der Region. Auf Dauer wird es schwierig zu vermitteln, warum nur die Geflüchteten Unterstützung erhalten und die aufnehmenden Gemeinschaften kaum. Dann drohe die bisherige Willkommens- und Unterstützungsbereitschaft zu bröckeln.

„Ich will, dass der Krieg aufhört“

Bei unserem Besuch kommen wir mit mehreren Menschen ins Gespräch, die aus der Ukraine geflohen sind und in Tudora Zuflucht gefunden haben. Im Garten des Zentrums treffen wir Ana. Sie ist aus Odessa geflohen und erzählt uns, dass sie in der Nacht des Kriegsbeginns durch Explosionen geweckt wurde. Zwei Tage später ist sie mit und wegen ihrer kleinen Tochter über die nahe gelegene Grenze zu Bekannten geflohen ist. Sie fühlt sich sicher hier, aber fürchtet um ihren Mann und ihre Familie, die noch nahe Odessa sind. In dem kleinen Tudora und der überwiegend von Landwirtschaft geprägten Region gibt es für sie nur wenige Möglichkeiten, eine berufliche Perspektive zu finden und Geld zu verdienen. Sie hat überlegt, weiter nach Chişinău zu gehen, aber Chişinău ist sehr teuer. Dafür reicht die finanzielle Unterstützung, die sie über ein Programm des UNHCR in Zusammenarbeit mit der moldawischen Regierung bekommt, und die wenigen Reserven, die ihr Mann aus der Ukraine schickt, kaum. Was sie braucht, fragen wir sie. Vor allem, dass der Krieg aufhört. Und dann Sommerkleidung für ihre Tochter und sie. Als sie mit ihren wenigen Sachen im Februar geflohen sind, war es noch Winter und sehr kalt. Wichtig ist nur, dass der Krieg aufhört, berichtet uns auch Ilona. Sie könne den ganzen Tag weiter vom Krieg und ihren Erfahrungen erzählen, das mache ihr nichts aus, wenn es hilft, dass der Krieg dann endlich aufhört. Sie weist vor allem auf die Menschen hin, die in der Ukraine sind. Sie sei dankbar für die Unterstützung, die sie hier erhalten habe und habe alles, was sie erst einmal brauche und könne von Tudora aus weiterreisen, aber die Menschen, die nicht aus der Ukraine fliehen können, brauchen unsere Aufmerksamkeit und internationale Unterstützung. Ilona ist einem Haus ebenfalls in Tudora untergekommen, das Concordia Moldova zur Unterbringung eingerichtet hat. Hier lebt sie zur Zeit unseres Besuches zusammen mit 14 anderen Menschen aus der Ukraine, überwiegend Frauen und Kinder, die meisten von ihnen schon seit kurz nach Kriegsbeginn. In dem Haus haben sie eine vorübergehende Unterkunft gefunden. Nach der schnellen Einrichtung wünschen sie sich jetzt längerfristige Infrastruktur, Waschmaschine und W-Lan wären hilfreich, erzählt Arina, eine der anderen Hausbewohner:innen. Natürlich sei das Leben hier zusammen nah beieinander nicht immer ganz einfach, sie mussten alle ihr gewohntes Leben zurücklassen, haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht und nicht immer dieselben Positionen, aber sie respektieren sich, sind froh, sicher zu sein und teilen die Sorge um Angehörige in der Ukraine und ihre unsichere Zukunft.Trotz ihrer Erzählungen bleibt die Vorstellung, dass sich nur wenige Kilometer ein Land im Krieg befindet und die Kämpfe täglich weiter Familien zur Flucht zwingen, wage. Vielleicht liegt es auch an der Umgebung, am Garten, an der herzlichen Atmosphäre, an den freundlichen und offenen Begegnungen mit den Menschen im Zentrum und im Haus, die so gar nicht zu unseren Bildern von Krieg und Flucht im Kopf passen mögen. Die Eindrücke von vor Ort und aus den vielen Gesprächen sind vielseitig und bleibend, sie hinterlassen Mitgefühl für die Menschen und ihre Geschichten sowie auch Bewunderung für ihre Widerstandsfähigkeit und Entschlossenheit und Anerkennung für die, die hier die Strukturen geschaffen haben und sich für sie einsetzen.

Lotte Kirch ist Referentin für Themen & Information. Sie ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit  und arbeitet vor allem zu den Herausforderungen, die sich aus aktuellen Geschehnissen und Krisen, für die humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit ergeben.

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