„Die ersten fünf Lebensjahre eines Kindes sind für die geistige Entwicklung entscheidend“

26. Juli 2017

Fungai Dewere, terre des hommes-Koordinator für Simbabwe/ Sambia © MASO ZIMJR

Die einst florierende Wirtschaft Simbabwes liegt am Boden: Heute gehört es zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Folgen von Unruhen, politischen Repressionen und Katastrophen infolge extremer Naturereignisse treffen vor allem Simbabwes Kinder. Laut Unicef herrscht derzeit in ungefähr 37 Prozent aller Haushalte in Simbabwe Hunger und die Zahl der Kinder mit chronischer Mangelernährung steigt. Das Bündnis-Mitglied terre des hommes (tdh) hilft vor Ort mit einem Ernährungsprogramm für Schulen und mit Gemeinschaftsgärten. Fungai Dewere, tdh-Koordinator für Simbabwe und Sambia, erklärt im Interview, wie sich Mangelernährung auf die Entwicklung von Kindern auswirkt und wie die westliche Welt Simbabwe helfen könnte, seine Kinder wieder selbst ernähren zu können.

Fungai Dewere, terre-des-hommes-Koordinator für Simbabwe und Sambia
Shurugwi-Distrikt im Südosten Simbabwes, Mashingaidze-Garten Anwohner setzen um, was sie im Lehrgang gelernt haben. Erste Pflanzen wachsen © MASO ZIMJR
Anwohnerinnen bei der Gartenarbeit im Zvidozvevanhu-Garten im Shurugwi-Distrikt. © MASO ZIMJR
Programmkoordinator Fungai Dewere besucht mit MASO-Officer Pritchard Tamayi den Zvidozvevanhu-Garten und trifft die örtliche Leiterin. © MASO ZIMJR
Das frische Gemüse wird getestet. © MASO ZIMJR
Butternut-Kürbisse und Zucchini aus dem Zvidozvevanhu-Garten. © MASO ZIMJR
Stolze Gärtner präsentieren die erste Ernte aus dem Mhangami-Garten im Bezirk Harare: Butternut-Kürbisse und rote Beete. © MASO ZIMJR


Herr Dewere, bitte beschreiben Sie die derzeitige Situation für Schulkinder in Simbabwe.

Infolge von Naturkatastrophen und einer schwachen Wirtschaft herrscht ein Mangel an Gemüse und anderen Grundnahrungsmitteln. Die Nahrung besteht in erster Linie aus Maismehl. Hierdurch leiden Kinder unter einem extremen Mangel an Mineralien und Vitaminen; dies beeinflusst die körperliche und geistige Entwicklung.

Wie funktioniert das terre-des-hommes-Hilfsprogramm für Schulen?

terre des hommes versorgt Partnerschulen mit vorgekochtem Porridge, das die fehlenden Mineralien enthält. Freiwillige Helfer kochen in Schulen, Kochutensilien und Hygieneartikel dafür werden gestellt. Ebenfalls mithilfe von Freiwilligen werden Schutzbereiche errichtet, um Kinder vor Sonne, Wind und Regen zu schützen. In verschiedenen Gemeinden werden Gemeinschaftsgärten eingerichtet, deren Ertrag auch dem Schulnahrungsprogramm zugutekommt. Dieses Gemüse und Obst versorgt die Kinder mit den in ihrer sonstigen Ernährung fehlenden Vitaminen.

Gemeinschaftsgärten sind Teil des terre-des-hommes-Hilfsprogramms. Wer baut in den Gärten an, was wird angepflanzt und wie unterstützt terre des hommes diese Gärten?

Jede Gemeinde gründet mit Hilfe von terre des hommes ein Gartenkommitee, das sich um die Verwaltung des Gartens kümmert. Ausgewählte Haushalte der einzelnen Gemeinden erhalten abgegrenzte Felder in den Gemeinschaftsgärten, um hier für sich Gemüse anzubauen. Die Plätze in den Gärten werden unter anderem an Haushalte mit Kindern und/oder älteren, eventuell pflegebedürftigen Personen oder an Familien mit HIV-Infizierten vergeben.

In den Gärten wird eine Vielzahl von Gemüse wie zum Beispiel Kohl, Mais, Karotten, Rote Beete, Gurken, Tomaten, Bohnen, Okra, Butternuss-Kürbisse und Ähnliches angepflanzt, um eine ganzjährige Ernte sicherzustellen. Mitarbeiter von terre des hommes unterrichten die Gemeinden in Anbautechniken, wie man natürlich düngt, in der Verwendung von natürlichen Pestiziden, in Permakultur und Bewässerungstechniken. Außerdem gibt es Lehrgänge in Vorratshaltung, um Verluste bei der Lagerung gering zu halten. In weiteren Lehrgängen wird der Bevölkerung gezeigt, wie sie wetterbedingte Schäden gering halten können.

Terre des hommes hilft bei der Planung und beim Aufbau der Gärten und versorgt die Gemeinden mit einem Grundstock an Saat. Das Wichtigste für einen Gemeinschaftsgarten ist ein Zugang zu Wasser – sei es ein Brunnen oder die Nähe eines Dammes. Dazu kommt, dass die Gärten vor wilden Tieren geschützt werden müssen. Hierzu bedarf es Zäunen und Abgrenzungen. Auch hier hilft terre des hommes.

Übererträge der Gärten werden verkauft, aber auch als Unterstützung für das terre-des-hommes-Hilfsprogramm für Schulen genutzt.

terre des hommes hat nach dem El-Niño-Phänomen und dem Tornado Dineo ein Notfallprogramm gestartet. Wie sah dieses aus?

Viele Gärten wurden durch den Tornado Dineo und die Dauerregen des El-Niño zerstört. Das Notfallprogramm bestand in erster Linie darin, die durch den Tornado verwüsteten Gärten schnellstmöglich wiederaufzubauen, um die Versorgung mit Gemüse in den Regionen erneut sicherzustellen.

Wie sehen die Symptome aus, unter denen Kinder mit Mangelernährung leiden?

Der Mineral- und Vitaminmangel führt zu eingeschränktem Wachstum und Hungerödemen (optisch markant durch den angeschwollenen Bauch) sowie geschwollenen Gelenken, die Haut trocknet und bleicht aus, Haarausfall tritt auf und die Entwicklung der Denkfähigkeit (IQ) ist eingeschränkt.
Ist es für Kinder, die in den ersten fünf Lebensjahren unter Mangelernährung litten, überhaupt möglich, sich von den Folgen zu erholen?
Die verminderte geistige Entwicklung ist schwer nachzuholen, auch wenn die Ernährung sich verbessert. Die ersten fünf Lebensjahre sind hierfür entscheidend. Wachstum und BMI hingegen können sich auch nach einer längeren Periode von Unterernährung erholen und an Normwerte herankommen.

Wie wirkt sich dieser Mangel auf die schulischen Leistungen aus?

Zum Krankheitsbild des Hungerödems gehören eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit, Teilnahmslosigkeit und Apathie, die zu unregelmäßigen Schulbesuchen oder teils zur vollkommenen Unfähigkeit führen, am Schulbetrieb teilzunehmen. Geschwächte Kinder werden zu leichten Opfern für Missbrauch, da sie noch weniger in der Lage sind, sich zu wehren.

Wie beeinflusst die derzeitige Nahrungskrise das Sozialleben der betroffenen Kinder?

Das Selbstbewusstsein betroffener Kinder leidet. Häufig werden sie ausgegrenzt. Andere Kinder integrieren sie nicht, meiden sie sogar. Häufig werden die Symptome der Mangelernährung mit einer HIV-Infektion verwechselt. HIV ist in Simbabwe ein Stigma, das zu Ausgrenzung führt. (Simbabwe ist eins der Länder mit der höchsten Zahl an HIV- und Aids-Erkrankten weltweit Anm. d. Red.).

Bitte beschreiben Sie die Situation in den Schulen vor dem terre-des-hommes-Hilfsprogramm. Gab es in Schulen ein Essensangebot für die Kinder oder mussten sie sich komplett selbst versorgen?

Es gab keine anderen Ernährungsprogramme in den Gegenden, in denen terre des hommes arbeitet. Die etwas wohlhabenderen Familien konnten ihren Kindern Essen mitgeben, die anderen Schüler und Schülerinnen musste den Schultag ohne Essen verbringen. Später hat die Regierung angefangen, Schulen im Kleinen durch Lieferungen von Maismehl zu unterstützen. Eine vollwertige Ernährung, die für eine gesunde Entwicklung unabdingbar ist, konnte hiermit jedoch auch nicht sichergestellt werden. Den Schulen blieb es selbst überlassen, aus den Lieferungen Speisen zu fertigen und die nötigen Gemüse- oder Obstsorten zu besorgen und zu ergänzen.

Wie viele Kinder haben in Simbabwe überhaupt die Möglichkeit, zur Schule zu gehen?

Offiziell hat jedes Kind in Simbabwe das Recht, zur Schule zu gehen. Es gibt jedoch viele Hürden. Der Besuch der Grundschule ist kostenfrei, später wird aber ein Schulgeld verlangt. Häufig ist ein Mangel an Geld der Grund, dass Kinder nach der Grundschule das Schulsystem verlassen, um ihre Familien finanziell zu unterstützen.

Meinen Sie, dass das Schulsystem Simbabwes anders mit dem Problem der Mangelernährung umgehen sollte?

Ein dauerhaftes und vollwertiges Ernährungssystem sollte in Schulen eingeführt werden, ebenso regelmäßige Gesundheitskontrollen, um Symptome von Mangelernährung rechtzeitig zu entdecken und diesen entgegen zuwirken. Die Regierung sollte die Schulen darin unterstützen, den Kindern eine ausgewogene Ernährung anzubieten.

Was sollte die Regierung Ihrer Meinung nach tun, um die Nahrungsmittelknappheit im Land anzugehen?

Die Eigentumsverhältnisse müssen geklärt werden, Menschen, die nicht wissen, ob ihr Land ihnen morgen noch gehört, sind nicht gewillt zu investieren. (Im Zuge von Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber den weißen Nachfahren von britischen Kolonialisten kam es zu Enteignungen und Neuverteilungen von Gebieten, die bis heute andauern; Anm. d. Red.). Bauern sollte es ermöglicht werden, an Kredite für Investitionen zu gelangen. Banken in Simbabwe unterstützen Bauern nicht. Die Bauern benötigen Saatgut, das Dürreperioden aushält. Simbabwe ist ein Land, das immer wieder mit Dürreperioden umgehen muss. Das Land braucht dafür eine besser ausgebaute Wasserversorgung für die Landwirtschaft. Die Infrastruktur der ländlichen Regionen muss verbessert werden, damit geerntetes Gemüse in Regionen gebracht werden kann, in denen Mangel herrscht. Die Regierung sollte sicherstellen, dass es einen Markt gibt, der Bauern, die Überschuss produzieren, die Möglichkeit bietet, Handel zu betreiben. Auch in Nahrungsmittelverarbeitungsketten und Nahrungsmittelkonservierung sollte die Regierung investieren.

Denken Sie, dass eine Regulierung der Preise für Dünger und Saatgut durch die Regierung helfen könnte?

In der Vergangenheit hat die Regierung eine Regulierung der Preise für Dünger ausprobiert, mit dem Ergebnis, dass es einen Mangel an Dünger auf dem Markt gab. Staatliche Subventionen für die Einkaufspreise von Dünger und Saat wären eine Lösung.

Was für Hilfe aus der westlichen Welt, beispielsweise Deutschland, braucht Ihr Land Ihrer Meinung nach?

Es könnte helfen, die Regierung bei der Landverteilung zu unterstützen. Hierzu gibt es bereits erste Bestrebungen des Auslands. Die Besitzverhältnisse müssen ein für alle Mal geklärt werden. Simbabwe benötigt Hilfe beim Ausbau der Infrastruktur und der Bewässerungssysteme. Ein Import von Technologie für Landwirtschaft, Infrastruktur und Schädlingsbekämpfung wäre Hilfe zur Selbsthilfe. Unterstützung der Schulernährungsprogramme, wie dem von terre des hommes, käme dem Land zugute und würde helfen, die Ernährung der Schulkinder dauerhaft zu sichern.

Zur Person: Fungai Dewere ist terre-des-hommes-Koordinator für Simbabwe und Sambia. Als Aktivist für Kinderrechte liegt ihm das Thema Ernährungsprogramme für Schulen besonders am Herzen. Mit terre des hommes arbeitet er dafür, dass Kinder überall auf der Welt zu ihren Rechten kommen.

Interview: Claas-Lauritz Lauritzen