Vor drei Tagen feierten Flüchtlinge in Erbil euphorisch die Befreiung ihrer Heimatstadt Karakosch. Inzwischen scheint der Vormarsch auf Mossul ins Stocken zu geraten – der Islamische Staat setzt Heckenschützen und Sprengfallen ein. Wie viele Opfer es geben wird, ist derzeit völlig unklar. Mitgliedsorganisationen von Bündnis Entwicklung Hilft bereiten weitere zivile Hilfen vor und fordern die beteiligten Regierungen zu umsichtigem Handeln auf.
Berlin, 21.10.2016 – Auch am fünften Tag der militärischen Offensive bleibt die Lage unübersichtlich. Zwar sprach der irakische Ministerpräsident Haider-al-Abadi bei der internationalen Irak-Konferenz in Paris am 20. Oktober von Erfolgen. So sollen Eliteeinheiten der irakischen Armee und kurdische Kämpfer weitere Angriffe gestartet haben, um Dörfer nördlich und östlich von Mossul einzunehmen. Nach offiziellen Angaben komme man wesentlich schneller voran als geplant. Kritiker bezweifeln jedoch, dass der Islamische Staat (IS) sich in wenigen Wochen geschlagen geben wird – und ob er sich militärisch überhaupt besiegen lässt.
Erdogan will die Kurden schwächen
Problematisch ist, dass innerhalb der internationalen Allianz die einzelnen Gruppen eigene Interessen verfolgen, die sich teilweise widersprechen. Beteiligt sind neben der irakischen Armee die kurdischen Peschmerga und internationales Militär. Zudem hat die Türkei gegen den Willen der irakischen Zentralregierung 2.000 Soldaten im nordirakischen Kurdengebiet stationiert. Der türkische Staatspräsident Erdogan hat mit einer Rede in Istanbul nun auch noch für zusätzliche Spannungen gesorgt: Er erhob Anspruch auf Mossul und verwies auf den „Misak-i Milli“, das politische Manifest der türkischen Unabhängigkeitsbewegung. Auch schiitische Milizen wollen in die Kämpfe eingreifen, die irakische Regierung lehnte das aber bisher ab.
Die Mitgliedsorganisationen von Bündnis Entwicklung Hilft bereiten sich intensiv auf weitere zivile Einsätze im Irak vor und kritisieren gleichzeitig die einseitige politische Fokussierung auf den militärischen Kampf gegen den Terror:
„Wir wissen, dass in den kommenden Tagen und Wochen Hunderttausende aus Mossul fliehen werden und wohl nur ihre Kleidung und wenige Habseligkeiten mitnehmen können. Daher haben wir zunächst für etwa 1.800 Familien Pakete für die erste Notversorgung zusammengestellt. Sie enthalten Planen und Werkzeuge, mit denen sich die Familien eine provisorische Notunterkunft bauen können. Danach brauchen die Menschen Decken und warme Kleidung, denn in wenigen Wochen wird es sehr kalt im Nordirak“, sagt Mike Bonke, Landesdirektor der Welthungerhilfe, der sich derzeit in Dohuk befindet. Die Welthungerhilfe ist bereits seit zwei Jahren im Irak tätig und unterstützt unter anderem Flüchtlinge rund um Erbil und Dohuk. Lokale Partner rechnen mit einem drastischen Anstieg der Zahl der Binnenflüchtlinge. Spenden werden auch für den Wiederaufbau von Schulen und Bewässerungssystemen eingesetzt und dringend benötigt.
Der Weg zum inneren Frieden ist noch weit
Auch die Nahost-Expertin Astrid Meyer von Misereor ist im Nordirak unterwegs, um mit Vertretern der Partnerorganisation „Jiyan Foundation“ die Hilfsmaßnahmen abzustimmen. Ärzte arbeiten in neun Regionalzentren, darüber hinaus können mobile Teams in Gebiete rund um Mossul gehen. „Wir können nur hoffen, dass die Zivilisten nicht daran gehindert werden, Mossul zu verlassen. Andernfalls könnte es eine erneute humanitäre Katastrophe geben“, sagt Astrid Meyer.
Katja Maurer, Pressesprecherin von medico international, sieht angesichts der Opfer in der Zivilbevölkerung keinen Grund, die bisherigen militärischen Erfolge zu feiern. Sie bemängelt die Fokussierung auf den Krieg gegen den Terror: „Diese Politik hat die größte humanitäre Krise nach dem Zweiten Weltkrieg mit geschaffen anstatt sie zu lösen.“ Partner von medico international gehen davon aus, dass der IS seine Taktik verändern könne und in den kommenden Wochen verstärkt dezentrale Anschläge verüben werde. Durch eine Vertreibung der IS-Truppen aus Mossul und deren mögliche Abwanderung nach Syrien könne sich außerdem die Lage in Syrien verschärfen, befürchtet Katja Maurer. Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen seien entscheidend, auch langfristige Strategien zu einer Stabilisierung, etwa die Integration der Christen und Sunniten sowie die Armutsbekämpfung.
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