Der Hurrikan „Matthew“ hat schlimmere Schäden verursacht als erwartet. In Untersuchungen der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank ist von fast zwei Milliarden US-Dollar die Rede. Doch scheinbar zeigt die Internationale Gemeinschaft wenig Bereitschaft, Haiti zu unterstützen: Nur knapp über 30 Prozent der erforderlichen 120 Millionen US-Dollar für die direkte humanitäre Hilfe sind nach Angaben des aktuellen „Situation Report“ der Vereinten Nationen bisher zusammengekommen. Ist der Inselstaat ein hoffnungsloser Fall? Was müsste sich ändern, damit sich das Leben der Haitianer dauerhaft verbessert? Bündnis Entwicklung Hilft sprach mit Michael Kühn, dem Referenten der Politikabteilung und langjährigen Landesdirektor der Welthungerhilfe, über die Ursachen der Sturmkatastrophe und die Perspektiven für Haiti.

Michael Kühn © Welthungerhilfe
Aus der ehemals reichsten französischen Kolonie ist schon vor langer Zeit das Armenhaus Mittelamerikas geworden. Ist Haiti überhaupt noch zu retten?
Auf jeden Fall. Mit dem erforderlichen politischen Willen könnte man langfristig viel verbessern. Das Interessante an Haiti ist, dass die Entwicklungsvoraussetzungen ja durchaus vorhanden sind. Haiti ist religiös nicht so zersplittert wie manche afrikanische Länder, es gibt hier kaum ethnische Spannungen, auch die Haitianer selbst sind sehr motiviert und möchten vorankommen, aber es fehlen ihnen derzeit einfach die Möglichkeiten dazu, und das hängt mit politischen Fehlentscheidungen zusammen.
Nach UN-Angaben sind 1,4 Millionen Menschen auf Soforthilfe angewiesen. Die Hälfte der Bevölkerung hat derzeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Mindestens 175 000 Menschen sind obdachlos. Die haitianische Regierung spielt die Probleme jedoch herunter und verschärft dadurch die Lage. Trauen Sie einem neuen Präsidenten zu, dieses Desaster in den Griff zu bekommen?
Eine gute Regierung, die das Gemeinwohl im Blick hat, wäre Haiti jetzt sehr zu wünschen. Das ist am allerwichtigsten für dieses Land. Eine Voraussetzung dafür wäre aber auch, dass dem neuen Präsidenten nicht wieder tausend andere Akteure hineinregieren. Haiti hat eine Zukunft! Das Land darf sich aber nicht weiter zum Spielball ausländischer Interessen machen lassen. Bis heute ist der Inselstaat immer unter dem Einfluss von irgendjemandem, ob das die Vereinten Nationen sind, ob das die Amerikaner waren, die das Land 19 Jahre besetzt hielten. Haiti war eigentlich nie in der Lage, eigene Interessen zu formulieren und sie durch politische Entscheidungen umzusetzen. In der Zeit der Diktatur haben sich nationale Eliten gnadenlos bereichert. In den 1980er Jahren taten die Forderungen des Nationalen Währungsfonds und der Weltbank ihr Übriges: Man hat Haiti gezwungen, die Importzölle zu senken und dadurch die Produktion nationaler Güter vor allem in der Landwirtschaft zerstört. Wenn man das alles im Zusammenhang sieht, stellt man fest, dass das Land nie wirklich eine Chance hatte.
Entwicklungshilfe-Kritiker bezeichnen Haiti als NGO-Republik, mit Tausenden von registrierten Hilfsprojekten und mehr als sieben Milliarden Dollar Wiederaufbauhilfe. Das Nebeneinander sorgt für Sprengstoff: Im Moment gibt es Proteste einiger lokaler Organisationen gegen die Blauhelme der Vereinten Nationen. Wo kann eine sinnvolle Entwicklungszusammenarbeit ansetzen?
Eine Entwicklungszusammenarbeit, die langfristig wirken soll, kann nur mit der Regierung funktionieren, nicht gegen sie. Es ist aber auch unglaublich wichtig, dass sich in Haiti eine eigenständige Zivilgesellschaft entwickelt, die sich politisch einmischt. Die Regierung muss auch wieder auf eine eigene Produktion setzen. Nehmen wir als Beispiel die Landwirtschaft: In Haiti können 30 Prozent der gesamten Fläche zur Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse benutzt werden. Aber die überwiegend von Kleinbauern erzeugten Produkte dienen lediglich der Subsistenz. Reis hingegen wird heute nicht mehr großflächiger produziert, weil subventionierter Reis aus den Vereinigten Staaten billig angeboten werden kann. Und jetzt kommen auch noch überwiegend Billigwaren aus China, die wiederum lokale Haushaltsgüter ersetzen, die ursprünglich aus Holz oder Aluminium hergestellt wurden. Jetzt ist alles aus Plastik. Solange Haiti nur importiert, gibt es keine Wertschöpfungsketten und damit auch keine Jobs, und ohne Jobs gibt es keine Kaufkraft beziehungsweise kein Geld, das wieder in das System zurückfließen würde. Ein Teufelskreis.
Wer hat ein Interesse daran, dass das so bleibt?
Alle, die im Import und Export ihr Geld verdienen, leben ganz gut von dieser Situation der Unübersichtlichkeit. Und sie schlagen aus dieser Situation Kapital. Eingekauft wird fast alles im Ausland – ob das jetzt Benzin ist, ob das Lebensmittel für die Supermärkte oder Materialien für Baumärkte sind – das alles wird ins Land hinein geholt, und je schwächer der Staat ist, desto schwächer ist auch die erbrachte Steuerleistung. Es gibt hier einfach keinen Konsens zwischen den politischen Eliten und den Wirtschaftseliten, der darauf hinauslaufen würde: „Hey, wir haben jetzt gelernt innerhalb der letzten 60 Jahre, was alles schief gelaufen ist – und das wollen wir ändern und dafür brauchen wir jetzt eine gemeinsame Strategie.“
Noch im April dieses Jahres hatte das Tourismusministerium in Haiti eine Initiative gestartet, mit deren Hilfe die Regierung mehr Besucher ansprechen wollte, in der Hoffnung, das Land durch die Einnahmen wieder auf eigene Beine zu bringen. Wie schätzen Sie diese Bemühungen ein?
Ich glaube, man schielte da rüber zum Nachbarn, der Dominikanischen Republik. Dort ist der Tourismus stark entwickelt. Aber ein Großteil des Kapitals, das die meist ausländischen Investoren ins Land gebracht haben, fließt auch wieder aus dem Land heraus. Die Voraussetzungen für die Tourismuswirtschaft sind eindeutig vorhanden. Es gibt schöne historische Bauten, tolle Strände, freundliche Menschen, aber es gibt keinerlei Verkehrs-Logistik. Ein Mietauto kostet 150 Dollar am Tag, das können sich nicht viele Urlauber leisten. Und jedes Mal, wenn so ein Katastrophen-Ereignis stattfindet, ist man natürlich wieder um fünf oder sogar um zehn Jahre zurückgeworfen. Ich schätze, die Idee, einen florierenden Tourismus hinzubekommen, kann man innerhalb der nächsten zehn Jahre nur schwer umsetzen.
Nach dem letzten großen Erdbeben im Januar 2010 unterstützte die Welthungerhilfe 271.000 Menschen im Süden Haitis und schulte sie im Katastrophenschutz. Inwiefern wirkt diese Arbeit nach?
Solche präventiven Programme können gar nicht als wichtig genug eingestuft werden. Investieren oder Programme auflegen bedeutet ja nicht nur Kapital einzusetzen, sondern auch Wissen zu vermitteln. Viele Menschen in Haiti haben durch Katastrophenschutzpläne und durch Schulungen nicht nur verstanden, wie man Häuser sicherer baut. Sie haben auch gelernt, sich auf Katastrophen vorzubereiten, die Risiken besser zu erkennen und sich – so gut sie eben können – zu schützen.
Warum gab es jetzt trotzdem wieder so viele Opfer?
Es gibt wenige Anstrengungen, die darauf abzielen, konsequent in die Vorsorge zu investieren und sie auch flächendeckend zu betreiben. Dadurch wird die Gesellschaft immer wieder von der Heftigkeit der Stürme und des Starkregens überrascht. Die Menschen sind einfach nicht vorbereitet. Die Kubaner bekommen das besser hin. Dort sind die Katastrophenschutz-Komitees funktionstüchtiger. Die Opferzahlen auf Kuba nach dem Hurrikan jetzt sind viel niedriger gewesen, weil die Menschen evakuiert wurden. In Haiti ist jeder sich selbst überlassen. Neben der Katastrophenvorsorge, die vor allem auf Prävention setzt, brauchen wir aber auch andere Finanzierungssysteme für die Zeit danach. Eine Idee können Versicherungssysteme sein, bei denen von Staaten oder anderen Akteuren Geld zur Verfügung gestellt wird, ohne dass man in Katastrophenfällen die nötige Hilfe erst schriftlich beantragen muss, weil man schon vorher in eine Art Versicherungsfond eingezahlt hat. Solche enormen Katastrophenschäden wie diese jetzt können unmöglich allein durch Spendengelder abgedeckt werden.
Widerspricht diese Finanzierung von außen nicht Ihrer Forderung nach mehr Souveränität?
Nein. Bei Schäden von derartigen Ausmaßen ist das Land auf ausländische Hilfe angewiesen. Aber die Haitianer sind im Lauf vieler Jahre in einen Paternalismus hineingetrieben worden. Das war ja auch die Kritik nach dem Erdbeben 2010, als die Vereinten Nationen so massiv kritisiert wurden. Auch einige NGOs verhalten sich ja nicht immer korrekt, sondern nutzen solche Krisen, um sich zu finanzieren oder in Szene zu setzen, das muss man auch kritisch sehen. Genau deswegen ist es auch so wichtig, dass man mit der Regierung und der Bevölkerung kooperiert, jedenfalls machen wir das als Welthungerhilfe. Und die neue Regierung muss natürlich jetzt auch zeigen, dass sie in der Lage ist, die Gelder vernünftig einzusetzen.












