„Unsere Lebensweise ist Mitauslöser der Hungerkrise“

13. April 2017

Anne Jung, Mitarbeiterin von medico international im Bereich Campaigning, schildert im Interview die Lage in Kenia und Somalia und benennt strukturelle Probleme, die die aktuelle Hungerkrise in Ostafrika mitverursacht haben.

Anne Jung © Holger Priedemuth
© NAPAD und KAPLET

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Frau Jung, Sie sind vor kurzem aus der kenianischen Hauptstadt Nairobi zurückgekehrt. Wie stellt sich Ihnen die Lage vor Ort dar? In welchen Regionen Kenias ist die Lage momentan am schlimmsten? Woran mangelt es?

Das Hauptproblem ist weiterhin der fehlende Zugang zu Wasser. Diese Situation hat sich in den letzten zwei Jahren immer weiter zugespitzt. Vor allem im Nordosten ist die Lage sehr schlecht, dort sind 70 Prozent der Wasserquellen versiegt. In der Folge des Wassermangels treten viele Krankheiten auf, wie zum Beispiel Cholera oder Durchfallerkrankungen. Solche Armutskrankheiten schwächen die Menschen enorm und viele sterben an den Folgen. Die Dürrekatastrophe in Kenia ist aber flächendeckend, weshalb für die Menschen kurzfristig überhaupt kein Ausweg sichtbar ist. Viele Weideflächen sind vertrocknet und die nomadisch lebenden Hirten können ihre Herden nicht mehr versorgen. Unsere Partner, die in der östlichen Provinz Garissa arbeiten, haben uns berichtet, dass selbst Kamele an Wassermangel sterben, obwohl diese Tiere sehr wenig Wasser benötigen.

Auch Nairobi ist Ziel der Hirten, die ihr Vieh dort in Parks oder am Straßenrand grasen lassen. Wie wirken sich die Hungerkrise und die damit einhergehende Migration innerhalb Kenias auf die Städte aus?

Vereinzelt haben wir in Nairobi Hirten mit ihren Herden auf den Grünstreifen an den Straßenrändern angetroffen und es wurde uns berichtet, dass dies zum Teil die ohnehin angespannte Verkehrssituation weiter verschlechtert.

Der Zuzug in die Städte hat aufgrund von bewaffneten Konflikten und der Verpachtung von riesigen Landflächen an ausländische Investoren schon vor Jahren begonnen und geht mit den Problemen einher, mit denen sich die Bevölkerung, gerade in den Slums, schon lange herumschlagen muss. Das betrifft vor allem den Zugang zu sauberem Wasser und zur Grundversorgung, weil die Enge des städtischen Raums kaum Möglichkeiten bietet für landwirtschaftliche Nutzung.

Das aktuell nicht mehr Menschen in die Städte kommen liegt vor allem daran, dass viele von ihnen schlicht zu schwach sind zu fliehen. Aus den Dörfern wird uns berichtet, dass sich oft das  Familienoberhaupt auf den Weg gemacht hat, um die Lage in den umliegenden Orten zu sondieren. Die Familien bleiben aber vorerst dort und sind damit in der dramatischen Situation, einfach abwarten zu müssen.

Neben Kenia ist medico International auch in Somalia aktiv. Dort unterstützen sie vor allem lokale Organisationen. Welchen Eindruck vermitteln Ihnen die Partner von der Lage in Somalia?

Die Mitarbeiter unserer somalischen Partnerorganisation NAPAD waren bis kurz vor unserem Treffen auf „Fact Finding Mission“ in einer Provinz im Süden, entlang der Grenze zu Kenia. Die Lage ist auch dort sehr schlimm. Die Wasserpreise sind, bedingt durch die Dürre, in den vergangenen zwölf Monaten um bis zu 300 Prozent angestiegen, sodass die Menschen sich Wasser schlicht nicht leisten können, selbst wenn sie Zugang dazu haben. Viele haben sich auf den Weg gemacht, um an anderen Orten im Land Zugang zu Wasser und humanitärer Hilfe zu finden. Die UNO spricht von mindestens  250.000 Binnenflüchtlingen. Aber auch in Somalia führt der Mangel an sauberem Wasser z.B. zu Choleraerkrankungen. Einmal mehr trifft das Leid die Ärmsten der Armen.

In Somalia ist die Infrastruktur sehr schlecht. Viele Orte sind nicht an das Straßennetz angeschlossen, Telefonverbindungen gibt es nicht. Ist es unter diesen Voraussetzungen überhaupt möglich, sich ein umfassendes Bild der Lage im Land zu machen?

Nein, das ist tatsächlich nicht möglich und auch unsere Partner sagen, dass sie sich über die Situation in vielen Landesteilen kein genaues Bild machen können. Die Menschen sind sehr ängstlich, wegen der permanenten Bedrohung durch die Vielzahl bewaffneter Milizen, von denen die al-Shabaab wohl die bekannteste ist. Diese Verängstigung der Menschen macht es schwer, einen Zugang zu ihnen zu finden und im Gespräch verlässliche Informationen zu erhalten.

Ich bin daher sehr beeindruckt von der Arbeit unserer Partner, die auch unter schwierigen Bedingungen immer versuchen, mit möglichst vielen Menschen zu sprechen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie sprechen mit den lokalen Dorfvorstehern oder den örtlichen Vertretern der Regierung. Das dient nicht zuletzt auch der Verhinderung von Verteilungskämpfen um die wenigen Hilfsgüter, die in den Regionen ankommen. Medico International fordert schon seit Jahren, die Zusammenarbeit mit lokalen Strukturen zu intensivieren, weil die Menschen mit Sprach- und Ortskenntnis sich am sichersten vor Ort bewegen können und deren Arbeit den größten Erfolg verspricht.

Im Zusammenhang mit der Hungerkrise ist häufig von strukturellen Ursachen die Rede. Was genau ist damit gemeint?

Lassen Sie mich das zunächst mit einem Zitat beantworten. „Nur wenn wir die Ursachen von Tragödien verstehen, werden sie sich nicht wiederholen.“ Mit diesem Satz begann der Aufruf „Rechte statt Mitleid“, den medico gemeinsam mit einer Gruppe afrikanischer und europäischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller als Reaktion auf die letzte Dürre, im Jahr 2011, veröffentlicht hat.

Schon damals haben wir einige zentrale politische Aspekte, wie Krieg, Klimawandel, unfaire Handelsbeziehungen, Lebensmittelspekulation und Landraub thematisiert und die Regierungen zu einem Strategiewandel aufgefordert. Wenn man sich diese Themen genauer ansieht wird klar, dass für die Prävention von Hungerkrisen vor allem der Aufbau einer lokalen, nachhaltigen Landwirtschaft nötig wäre. Dies ist aber nicht im Interesse internationaler Lebensmittelkonzerne. Diese setzen darauf in den Ländern der Region Lebensmittel anzubauen, die für den Export bestimmt sind, um sie als  Viehfutter oder Biosprit zu verwenden, statt Menschen satt zu machen. Diese Situation ist unerträglich und wir haben damals schon gefordert, dass solche strukturellen Probleme angegangen werden müssen. Das muss ganz oben auf der politischen Agenda europäischer Länder stehen, aber hier ist in den vergangenen Jahren viel zu wenig passiert.

Wenn man über strukturelle Ursachen solcher Probleme wie der Hungerkrise spricht, muss man immer eine globale Perspektive einnehmen. Auf der nationalstaatlichen Ebene lassen sich Probleme solchen Ausmaßes nicht mehr lösen.

Teilweise entsteht der Eindruck, die Regierungen der ostafrikanischen Länder verließen sich pauschal darauf, dass internationalen Geberorganisationen im Falle von Hungerkrisen mit Nothilfeprogrammen die Situation im Land stabilisieren. Kann man hier von „gelernter Hilflosigkeit“ seitens der afrikanischen Regierungen sprechen? Welche Verantwortung trifft dabei auch die internationale Gemeinschaft?

Nun, unsere Gesprächspartner in Kenia haben alle zugestimmt, dass die genannten strukturellen Probleme großen Einfluss auf die Situation in Afrika haben. Gleichzeitig kritisierten sie sehr vehement die Passivität der Afrikanischen Union und vor allem auch der nationalen Regierungen jener Länder, die wirtschaftlich stark sind. Kenia, aber zum Beispiel auch Nigeria oder Südafrika, sind wirtschaftlich starke Länder. Alle diese Länder sind aber sehr auf ihre nationalen Probleme fokussiert, in politische Krisen oder Wahlkämpfe verstrickt. Vor dem Hintergrund lassen sich mit Themen wie Klimawandel keine politischen Punkte gewinnen.

Beide Seiten, also die afrikanischen Regierungen, wie auch die Regierungen der Geberländer, müssen ihren Teil der Verantwortung tragen und das in den Fokus nehmen, was ihre Länder besonders betrifft. Unser Partner KAPLET fordert, dass die afrikanischen Regierungen ihre jeweiligen Gesetze, in Kenia ist das zum Beispiel das Recht auf Zugang zu medizinischer Versorgung oder das Recht auf Zugang zu Lebensmitteln, konsequent durchsetzen und ihren Pflichten nachkommen. Hier scheitern strukturelle Veränderungen am politischen Unwillen und das ist ein Aspekt, dessen  man sich sehr bewusst sein muss, gerade wenn es darum geht, Druck auf diese Regierungen aufzubauen. Gleichzeitig muss man die europäische Verantwortung, dazu zählt auch, unsere Lebensweise auf Kosten anderer zu thematisieren.

Letztlich ist es eine skandalöse Situation, dass die UNO, die die Völkergemeinschaft repräsentiert, um Spenden werben, nachgerade betteln muss. Die UNO müsste die nötigen Mittel ganz automatisch von den Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt bekommen. Das dem nicht so ist hängt auch damit zusammen, dass die Vielzahl der Notlagen weltweit immer weiter anwächst. Eben deshalb müssen die strukturellen Ursachen für Kriege und Katastrophen in den Blick genommen werden.

Welche Konsequenzen wird die jetzige Hungerkrise langfristig haben?

Man muss sich darüber klar sein, dass solche Hungerkrisen die Menschen in den Ländern noch über mehrere Generationen hinweg prägen werden. Die Folgen von Mangelernährung sind unter anderem ein verlangsamtes Wachstum, Lernschwächen und die Menschen erleiden schwere Traumata durch den Verlust von nahen Angehörigen. Deshalb muss, neben der akuten Nothilfe, die natürlich nötig ist, auch die strukturelle Veränderung angegangen werden. Ein Aspekt ist der Aufbau von Frühwarnsystemen und Schutzmaßnahmen. Diese haben bei der aktuellen Krise auch teilweise schon Wirkung gezeigt. An einigen Orten waren Wasserrückhaltebecken installiert worden, Nahrungsmittelreserven wurden angelegt und die Agrarwirtschaft nachhaltig gestaltet. Angesichts des Ausmaßes der Krise waren diese Maßnahmen nicht ausreichend, aber es ist nicht so, dass es seit der letzten Krise gar keine Veränderungen gegeben hätte.

Zum Glück stellen wir eine wachsende Handlungsbereitschaft seitens der deutschen Regierung und auch eine wachsende Spendenbereitschaft der Bevölkerung fest, die gerade überlebensnotwendig ist. Die beste Prävention wäre jedoch der Abbau der strukturellen Ursachen, die wir bereits besprochen haben. Damit das geschieht, ist politischer Druck nötig.