Nachdem der Krieg das Wasser verseuchte, kommt die Cholera

31. Mai 2017

Der Jemen hat mit drei Katastrophen gleichzeitig zu kämpfen: Zu Bürgerkrieg und Hungersnot kam vor wenigen Wochen ein erneuter Ausbruch der Cholera hinzu. Das Bündnis-Mitglied DAHW bereitet Nothilfemaßnahmen vor. Doch: „Der Krieg erschwert die Hilfe massiv: Die Infrastruktur ist zusammengebrochen, die Sicherheitslage schlecht“, berichtet der jemenitische DAHW-Repräsentant Dr. Yasin Al-Qubati.

Dr. Yasin Al-Qubati
© Dr. Yasin Al-Qubati
© Dr. Yasin Al-Qubati
© Dr. Yasin Al-Qubati

 

Tägliche Gefechte, Tausende Tote, ein Gesundheitssystem am Rande des Kollapses. Im Jemen herrscht Bürgerkrieg, der das Leben der fast 27 Millionen Einwohner bedroht. Die Bedrohung besteht jedoch nicht nur aus Bombenhagel, Schießereien und anderen Kriegshandlungen. Nach dem erneuten Ausbruch der Cholera – insbesondere der Hauptstadt Sanaa – hat die jemenitische Regierung im Mai den Notstand ausgerufen. Das Bündnis-Mitglied DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe bereitet die Verteilung von 1.000 Cholera-Kits in Aden und Umgebung vor. Darin enthalten sind unter anderem Infusionen, Rehydrationssalze und Wasseraufbereitungstabletten. Unterdessen führt Dr. Al-Qubati das Lepra-Kontrollprogramm fort, bei dem er im gesamten Land mehr als 1.000 Lepra-Erkrankte betreut und jährlich etwa 500 Neuerkrankungen diagnostiziert.

Erst wenn die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser gewährleistet wird, ist der Kampf gegen die Cholera mehr als ein Kampf gegen ihre Symptome. Denn verunreinigtes Trinkwasser kann in Kombination mit mangelnder Hygiene zu Cholera-Epidemien führen. Ein Problem, mit dem Europa zuletzt 1892 in Hamburg zu kämpfen hatte. Genau dies geschieht aktuell im kriegsgezeichneten Jemen. Die unbehandelt sehr schnell tödlich verlaufende Seuche Cholera ist ausgebrochen und fordert täglich neue Opfer. Weit mehr als 8.600 Infektionen sind laut BBC binnen weniger Tage gemeldet worden, dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes und des UNICEF zu Folge sind bereits mehr als 315 Menschen in kürzester Zeit verstorben. Die Zahl der Cholera-Toten hat sich binnen weniger Tage verdreifacht, was die Dringlichkeit des Problems verdeutlicht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor der extremen Geschwindigkeit der Ausbreitung dieser Seuche. Hilfe ist eindeutig benötigt und an sich nicht schwer, da die Krankheit mit Antibiotika leicht behandelbar ist. Der Krieg erschwert die Hilfe jedoch immens.

Durch den Bürgerkrieg steht das Gesundheitssystem kurz vor dem Zusammenbruch. Krankenhäusern fehlt es an Antibiotika zur Behandlung der Infizierten und der Regierung an finanziellen Mitteln zur Beschaffung von Medikamenten. Patienten müssen teils auf der Straße vor Krankenhäusern versorgt werden, da es keinen Platz für Infizierte und Verletzte gibt. Laut CNN kommen auf ein Krankenbett drei Patienten, Tendenz steigend. Der UN zufolge haben zwei Drittel der Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, was dazu führt, dass die Zahl der Neuninfektionen weiter dramatisch steigen wird. Cholera ist eine Erkrankung des Darmtraktes und wird seltener durch den Kontakt mit Infizierten übertragen, sondern in erster Linie durch Wasser, das mit Exkrementen verunreinigt ist. Verweste Lebensmittel können ebenfalls als Überträger fungieren.

Infolge von Bombardierungen ist vielerorts die Kanalisation zerstört, wodurch sich Trink- und Abwasser vermischen. Da die Regierung die Straßenreinigungskräfte seit neun Monaten nicht bezahlt, haben diese ihre Arbeit niedergelegt, was zu Unmengen von verwesenden Abfällen auf den Straßen führt. Dies verschlimmert die hygienische Situation und bietet weitere Ansteckungsherde für die Seuche. „Die Regensaison steht bevor, was unter diesen Umständen neben der Cholera auch einen flächendeckenden Ausbruch des Denguefiebers zur Folge haben kann“, erklärt Dr. Al-Qubati. Das bereits von der Cholera vollkommen überlastete Gesundheitssystem steht hilflos vor diesen Herausforderungen. Dazukommt, dass durch den Krieg eine immer größer werdende Hungerkatastrophe herrscht, die die Ausbreitung der Seuche ebenfalls unterstützt. Denn Unterernährung schwächt das Immunsystem des Menschen massiv.

Neben dem aktuellen Ausbruch der Cholera und dem befürchteten Ausbruch des Denguefiebers warnt DAHW-Repräsentant Dr. Al-Qubati aber auch vor den psychischen Folgen des Krieges: „Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Kriegstraumata und andere psychische Erkrankungen treten in immer größeren Zahlen auf und lähmen die Bevölkerung.“

Zur Person:
Dr. Yasin Al-Qubati ist Experte für vernachlässigte, vorrangig armutsbedingte Erkrankungen wie Lepra und unterstützt mit seiner Arbeit die DAHW. „Menschen sind Menschen, egal wo sie leben.“ ist seine Maxime und entspricht auch den Zielen des Bündnis Entwicklung Hilft. Dr. Al-Qubati ist seit 1989 für die DAHW tätig, seit 2000 Repräsentant des DAHW. Al-Qubatis Arbeit stellt nicht nur durch den Umgang mit schwerkranken Patienten ein tägliches Risiko dar. Das Büro des DAHW im Jemen ist im Zuge des Bürgerkriegs beschossen worden und Al-Qubati selbst bereits das Opfer eines Mordanschlags geworden, den er nur knapp überlebte. 2015 wurde Dr. Al-Qubati mit einem Kollegen zusammen von Haozhi Rebellen entführt und als Geisel gefangen gehalten. Aber auch vor dem Ausbruch des Krieges war seine Arbeit im Jemen problematisch, da die Unterstützer der Regierung Salihs Dr. Al-Qubati und seine Kollegen immer wieder angriffen und das Gebäude der Yemen Leprosy Elimination Society besetzten. Ein 2014 errichtetes Krankenhaus wurde, bevor es überhaupt seinen Dienst aufnehmen konnte, von den Rebellen als Unterschlupf genommen, woraufhin es bombardiert wurde und erhebliche Schäden erlitt.

Claas-Lauritz Lauritzen