„Die Regenzeit bringt neue Herausforderungen mit sich“

28. März 2017

Eugene Wanekeya, Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Kenia, spricht im Interview über zu viel Wasser in Zeiten der Dürre, zu Unrecht kriminalisierte Hirten und die schwierig zu bewertende Rolle der kenianischen Regierung.

Eugene Wanekeya
© Eugene Wanekeya/Welthungerhilfe
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Wie ist die Lage in Kenia aktuell? Wie viele Menschen sind von der Dürrekatastrophe betroffen?

Die aktuellen Zahlen der Regierung sagen, dass etwa elf Millionen Menschen vom Verhungern bedroht sind. Die meisten Menschen haben keinen Zugang zu Trinkwasser, das ist ihr größtes Problem. Es gibt zwar Brunnen, aber bei weitem nicht genug. Die Menschen müssen lange Strecken zurücklegen, um einen Brunnen zu erreichen, da viele Flüsse ausgetrocknet sind. Einige migrieren in die Nachbarländer, wo die Situation etwas besser ist.

Wird dadurch das Problem nicht verlagert, statt gelöst zu werden?

Ja, zum einen wird das Problem verlagert, zum anderen sehen die Nachbarländer ihre Sicherheit gefährdet. Viele der Hirten besitzen Waffen, mit denen sie ihre Herden schützen. Sie tragen zum Beispiel Kalaschnikow-Gewehre bei sich und werden dann an der Grenze wegen illegalen Waffenbesitzes verhaftet. So werden die Menschen grundlos kriminalisiert.

Welche Regionen Kenias sind besonders schlimm von der Dürre betroffen?

Die Regionen im Norden sind am schlimmsten betroffen. In einigen Regionen hat die Regenzeit bereits begonnen, aber das bringt andere Herausforderungen mit sich. Da viele Böden komplett ausgetrocknet sind, können sie die großen Mengen an Niederschlag nicht schnell genug aufnehmen. Auch Wasserverunreinigung ist ein Problem. Die Kadaver toter Tiere verunreinigen das Wasser, was wiederum die Gesundheit von Menschen und Tieren gefährdet.

Was unternimmt die kenianische Regierung, um die Lage der Menschen in den betroffenen Gebieten zu verbessern? Hat die Regierung ausreichend Kapazitäten und Expertise?

Die Regierung hat von Beginn der Dürre an gesagt, dass sie sehr aktiv sei und über ausreichend personelle Kapazitäten sowie Expertise verfüge. Sie stelle Wasser und Nahrung zur Verfügung und gewährleiste die Sicherheit der Hirten und ihres Viehs. Von diesen Aktivitäten habe ich in den betroffenen Regionen aber nur wenig gemerkt. Es ist nicht leicht zu überprüfen, ob die Regierung tatsächlich umsetzt, was sie sagt.

Wie konnte die Lage so schlimm werden? Haben internationale Organisationen und die kenianische Regierung nicht genau genug hingeschaut?

Die kenianische Regierung hat erst vor kurzem den Notstand ausgerufen und die internationalen Geberorganisationen um finanzielle Hilfe gebeten. Im Prinzip hat die Regierung auch genug Personal in den Regionen und auch ein Frühwarnsystem installiert. Das alles nutzt aber nur wenig, wenn die Beamten in den regionalen Zentren angesiedelt sind und nicht in die Regionen gehen, die nur schwer zugänglich sind. Das Grundproblem ist eine schlechte Infrastruktur.

Die internationalen Geber haben die Verteilung von Geldern durch die Regierung organisieren lassen, aber das hat nicht besonders gut funktioniert. Viele lokale Organisationen haben keine Mittel erhalten, um ihre Aktivitäten in den Regionen umzusetzen. Auch hat die Regierung den Notstand erst sehr spät ausgerufen – zu spät, meiner Ansicht nach.

Was tut die Welthungerhilfe vor Ort?

Unsere Aktivitäten dienen vor allem dazu, die Bevölkerung widerstandsfähig gegen Dürren zu machen. In vielen Regionen Kenias gibt es Brunnen, damit die Menschen nicht allein auf die Wasserversorgung durch Flüsse angewiesen sind. Viele dieser Brunnen sind mit benzinbetriebenen Pumpen ausgestattet, was nicht nachhaltig ist. Wir haben nun damit begonnen, die Energieversorgung der Pumpen auf Solarstrom umzustellen. Das reduziert die Instandhaltungskosten und sichert die Wasserversorgung, denn die Abhängigkeit vom Benzin entfällt.

Außerdem unterstützen wir die Hirten dabei, Feldfrüchte für ihre Herden anzubauen, damit sie auch in längeren Trockenzeiten Futter für ihre Tiere und Nahrung für ihre Familien haben. Hierbei handelt es sich um Feldfrüchte, die nur relativ wenig Wasser benötigen.

Was muss passieren, um der kenianischen Bevölkerung langfristig zu helfen?

Das größte Problem ist der Wassermangel. Es müssen mehr Brunnen gebaut werden. Die Menschen in den Regionen sagen uns, dass sie alleine überleben können, wenn sie nur Zugang zu Wasser haben.

Die Herausforderung für uns besteht darin, die internationalen Geber davon zu überzeugen, dass wir jetzt mehr Mittel brauchen, um mittel- und langfristig gegen Dürrekatastrophen gewappnet zu sein. Es ist viel einfacher solche Katstrophen zu bewältigen, indem man die Widerstandfähigkeit der Menschen steigert, statt Nothilfe zu leisten, wenn es eigentlich schon zu spät ist.