„Die Angst vor dem nächsten Beben steckt ganz tief drin in den Menschen“

25. April 2017

Heute vor zwei Jahren wurde Nepal von einem verheerenden Erdbeben getroffen, am 12. Mai folgte ein zweites starkes Beben. 600.000 Häuser stürzten ein, 8.800 Menschen verloren ihr Leben, 22.300 Menschen wurden verletzt, die Infrastruktur massiv beschädigt. Auch zwei Jahre später befindet sich Nepal abseits des Interesses der Weltöffentlichkeit nach wie vor mitten im Prozess des Wiederaufbaus. Asja Hanano, Landesdirektorin der Welthungerhilfe in Nepal, bewertet im Interview den Stand des Wiederaufbaus, schildert die Zusammenarbeit mit den nepalesischen Behörden und erklärt, warum es um viel mehr geht als nur zerstörte Häuser.

Asja Hanano
© Asja Hanano/Welthungerhilfe
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Frau Hanano, wie würden Sie den Stand des Wiederaufbaus zwei Jahre nach dem Erdbeben in Nepal beschreiben?

Es geht sehr, sehr schleppend voran. Von den 600.000 komplett zerstörten Häusern ist nur ein Bruchteil wieder aufgebaut, offiziell haben nur 3,54 Prozent der betroffenen Menschen ihre Häuser wieder aufgebaut. Die meisten Menschen leben also noch in temporären Unterkünften, kleinen Hüttchen, die sie sich direkt nach der Katastrophe aus Wellblech zusammengezimmert haben. Bei den über 8.000 zerstörten Schulen liegt die Wiederaufbauquote bei zehn Prozent, von den 500 zerstörten Krankenstationen ist etwa die Hälfte wieder aufgebaut.




Warum dauert es so lange?



Die Gründe sind vielschichtig. Zunächst hat sich die Identifizierung der Erdbebenopfer ewig hingezogen. Die Regierung musste überall vor Ort prüfen: Ist das Haus wirklich zerstört? Inwiefern ist es zerstört? Wer ist der Hausbesitzer? Das hat ein ganzes Jahr gedauert. Was aber teilweise auch verständlich ist. Denn manchmal müssen Sie erst sechs Stunden mit dem Auto fahren und dann noch einmal acht Stunden zu Fuß gehen, um ein Haus zu erreichen.

Hinzu kommt die Frage der Entschädigung: Nach langem Hin und Her hat die Regierung jedem Erdbebenopfer als Entschädigung 200.000 Nepalesische Rupien zugesichert. Das sind umgerechnet 1.800 Euro. Um ein Haus zu bauen, braucht man mindestens 6.000 Euro, oder mehr. Die erste Rate von 50.000 Rupien pro Kopf wurde erst im August 2016 ausgezahlt. Wer kein Geld hatte, konnte vorher also auch nicht damit anfangen, sein Haus wieder aufzubauen. Und selbst wer Geld dafür hatte, konnte es nicht tun. Denn dann hätte die Regierung den Status der Bedürftigkeit aberkannt.

Diese erste Rate von 50.000 Rupien pro Kopf war für das Fundament des Hauses bestimmt. Unklar war jedoch, nach welchen Richtlinien gebaut werden sollte. Da hat die Regierung die Bevölkerung zu wenig aufgeklärt. Was ist passiert? Die Leute haben gebaut und die Ingenieure der Regierung haben das Fundament nicht abgenommen. Die Menschen bekommen nun die zweite Rate nicht. Von über 600.000 Personen, die sich für die Entschädigung registriert haben, haben nur 4.000 die zweite Rate bekommen, also weniger als ein Prozent. In der Folge haben viele Menschen einen Kredit aufgenommen, teilweise mit Zinsen von 25 Prozent oder mehr. Das stürzt die zumeist ohnehin armen Menschen umso tiefer in die Armut.




Welche Rolle spielt die Bürokratie? 



Eine gewichtige. Zunächst muss ein Antrag für ein Wiederaufbauprojekt durch Behörden auf sehr vielen Ebenen laufen. Nehmen wir als Beispiel eine Schule: Erstmal geht das auf lokaler Ebene durch den Schulmanagement-Ausschuss und durch den Dorfentwicklungs-Ausschuss. Es folgt die Bezirksebene und geht dann auf die nationale Ebene nach Kathmandu zur „National Reconstruction Authority“ (NRA), der Regierungsstelle, die den gesamten Wiederaufbau koordinieren soll. Leider hat  die NRA ständig die Richtlinien geändert. Am Ende gab es hundert verschiedene Baudesigns für erdbebensicheres Bauen einer Schule statt fünf, sechs verbindliche Standards, die man für alle lokalen Gegebenheiten einsetzen kann. Deshalb dauert so ein Antrag schon einmal vier Monate.

Auf der lokalen Ebene läuft die Zusammenarbeit mit den Behörden wiederum sehr gut, zum Beispiel mit den „Female Community Health Volunteers“ des Gesundheitsministeriums. Das sind hoch motivierte Frauen, die z.B. Ernährungsaufklärung betreiben und Impfkampagnen machen.

Wie steht es um die personellen und materiellen Kapazitäten für den Wiederaufbau?

In vielen Dörfern sind bloß alte Menschen, Frauen und Kinder. Denn die jungen Männer sind als Arbeitsmigranten in Dubai oder Saudi-Arabien, um Geld für ihre Familien zu verdienen. Somit fehlen vor Ort die Arbeitskraft und das technische Know-how. Die Regierung und Nichtregierungsorganisationen haben viele Programme gestartet, um beispielsweise Maurer und Tischler auszubilden. Gleichzeitig hat die Regierung die Ingenieure, die auf Distriktebene den Wiederaufbau anleiten sollten, nicht vernünftig bezahlt. Sie haben gestreikt oder gleich ganz aufgehört zu arbeiten. Konsequenterweise wurde das Gehalt dann später erhöht, um die dringend benötigte technische Expertise auf lokaler Ebene zu gewährleisten.

Es mangelt aber auch an Ressourcen, aktuell an Holz. Die meisten Wälder sind kommunal und stehen unter Schutz, nachdem sie in jahrelanger Kleinstarbeit wieder aufgeforstet wurden. Um Holz aus diesen Wäldern zu bekommen, bedarf es eines langwierigen Prozesses durch die verschiedenen Regierungsinstanzen, die die Abholzung erst offiziell erlauben müssen.

Die lokalen Partner des Bündnis-Mitglieds medico international beklagen, dass die in Nepal anstehenden Wahlen zum einen den Fokus der Politik weg von der Aufgabe des Wiederaufbaus lenken, zum anderen zu massiven Spannungen innerhalb der Bevölkerung führen könnten. Wie schätzen Sie die politische Lage ein?

Als die neue Verfassung am 20. September 2015 bestätigt wurde, ging es mit den politischen Unruhen los. Insbesondere die Madhesi im Süden des Landes, aber auch andere ethnische Gruppen, fühlen sich in der neuen Verfassung nicht ausreichend vertreten. Nun gibt es die ersten lokalen Wahlen seit 20 Jahren und die Madhesi wollen sie boykottieren. Die Öffentlichkeit ist extrem politisiert und die Wahl lenkt die Aufmerksamkeit natürlich weg vom Thema des Wiederaufbaus.

Das Beben hat bei vielen Betroffenen ein Trauma ausgelöst, ein Thema, mit dem sich nicht nur unser Mitglied Christoffel-Blindenmission verstärkt auseinandergesetzt hat. Wie gut hat die nepalesische Bevölkerung die Katastrophe psychisch verarbeitet?



Als es im vergangenen Jahr kleinere Nachbeben gab, sind meine Kollegen hier in der Stadt jedes Mal völlig ausgeflippt. Da hat man gemerkt: Die Leute stehen noch völlig unter Schock. Doch auf dem Land ist es noch viel schlimmer. Denn da geht es nicht nur um zerstörte Häuser. Ein Viertel der nepalesischen Bevölkerung lebt unterhalb der nationalen Armutsgrenze von einem halben US-Dollar pro Tag, 35 Prozent der Bevölkerung sind nicht ernährungssicher. Stellen Sie sich mal vor: Nach zwei Jahren lebt eine Großfamilie noch immer in einer Wellblechhütte. Die haben zwei Winter überstanden mit kleinen Kindern und die Männer sind wahrscheinlich schon wieder weg, arbeiten, um Geld reinzubringen. Noch eine Naturkatastrophe überstehen die nicht. Die Angst vor dem nächsten Beben steckt ganz tief drin in den Menschen.

Was sehen Sie als die drei wichtigsten Aufgaben für die nepalesischen Partner der Welthungerhilfe in den kommenden Monaten?

Zunächst „Disaster Preparedness“, Notfallbereitschaft. Das heißt, die Reaktionsmechanismen auf lokaler Ebene aufzubauen. Wir machen gemeinsam mit unseren Partnern gemeindebasiertes Katastrophenmanagement, sodass die Leute die Risiken analysieren und gemeinsam Mechanismen entwickeln, wie sie sich am besten vorbereiten und schützen können.

Die zweite Sache, ganz wichtig, ist „Livelihood Recovery“, also die Resilienz der Menschen zu erhöhen. Das Kernmandat der Welthungerhilfe ist die Bekämpfung des Hungers (Unterernährung, Mangelernährung und akuter Hunger) mit dem Ziel „Zero Hunger wherever we work by 2030“. Da arbeiten wir an der Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion und der Diversifikation des Anbaus – etwa durch den Einsatz von dürreresistentem Saatgut. Wir beraten die Menschen im Einsatz von biologischen Pestiziden als Ersatz für Agrochemikalien und verbessern die Wasserversorgung, zum Beispiel durch die Einführung von Mehrzweck-Wassersystemen. Dabei wird beispielsweise Abwaschwasser noch dazu genutzt, einen kleinen Küchengarten zu bewässern. Komplementär dazu machen unsere Partner Ernährungsberatung für Frauen, denn verbesserte Landwirtschaft allein ist keine Garantie für eine verbesserte Ernährungssituation, es geht ganz stark auch um Verhaltensänderung.

Wie in anderen Ländern verfolgt die Welthungerhilfe auch in Nepal einen rechtebasierten Ansatz. Wir können technische Assistenz leisten, aber es braucht mehr: Wir wollen die Zivilgesellschaft und auch unsere Partner darin stärken, die Regierungsstellen mehr in die Verantwortlichkeit zu ziehen. Was gibt es für Services, zum Beispiel vom Landwirtschaftsministerium auf Distriktebene, die die Bevölkerung bekommen sollte, aber nicht erhält? Dann unterstützen wir die Bevölkerung zum Beispiel darin, dass mehr Geld im Jahresbudget der lokalen Regierung für Landwirtschaft zur Verfügung gestellt wird. Durch die lokalen Wahlen sehen wir ein Potential für dezentralisierte Machtverhältnisse. „Power to the People!“ lautet die Maxime des Wahlkampfs. So hoffen wir, dass die Bevölkerung künftig mehr in ihre eigene Entwicklungsplanung und die politischen Prozesse eingebunden ist.

Das Bündnis-Mitglied terre des hommes sieht angesichts der Folgen des Klimawandels weitere Herausforderungen auf Nepal zukommen. Worauf muss sich das Land mittel- und langfristig einstellen?

Es gibt ja jetzt schon Probleme. Einerseits die Dürre: Während der Trockenzeit gibt es Waldbrände. Andererseits der Monsun: In der Regenzeit, die jetzt im Juli wieder anfängt, gibt es Überschwemmungen. Diese Probleme werden durch den Klimawandel noch verschlimmert. Es braucht langfristige Anpassungsmaßnahmen und effektive Strategien der Risikoreduzierung. Und die können nur mit den Menschen vor Ort entwickelt werden. Auf zentraler Ebene können tausend „Policies“ geschrieben werden, wenn die Bevölkerung in den Dörfern nicht mitgenommen wird, dann wird auch so schnell nichts passieren.

Was macht Ihnen Mut für die weiteren Schritte des Wiederaufbaus?

Wenn die Wahlen die lokalen Behörden stärken und sich die Dezentralisierung hoffentlich bis Ende des Jahres halbwegs eingestellt hat, hat die lokale Bevölkerung nicht nur mehr Rechte, die Prozesse würden auch massiv beschleunigt, wenn nicht immer alles über die zentrale Ebene laufen müsste.

Weitere Informationen:
terre des hommes: Mühsamer Wiederaufbau – Nepal zwei Jahre nach dem Erdbeben