„Hunger wird als Waffe eingesetzt“

10. März 2017

Ein Interview zur Lage im Südsudan mit Hannah Dönges vom Centre on Conflict, Development and Peacebuilding (CCDP) des Graduate Institute in Genf

Sie haben gerade eine Kurzstudie zur Peacekeeping-Mission im Südsudan veröffentlicht. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

Dönges: Seit dem erneuten Kriegsausbruch in der Hauptstadt Juba im Juli 2016 hat sich die Sicherheitssituation und die humanitäre Lage deutlich verschlechtert. Konflikte und Kampfhandlungen außerhalb von Juba nehmen zu, die Situation für Zivilisten verschärft sich weiter. Bewaffnete Gruppen, unter ihnen auch die Regierungsarmee, töten und vergewaltigen Zivilisten entlang ethnischer Trennlinien. Die Vereinten Nationen, die Afrikanische Union und Menschenrechtsorganisationen haben der Regierung Verbrechen gegen die Menschlichkeit nachgewiesen – dies macht mehr als deutlich, dass sie ihre Aufgaben nicht erfüllt.

Ende Februar haben die Vereinten Nationen den Hungernotstand im Südsudan ausgerufen. Wie hängen Hunger und Bürgerkrieg zusammen?

Dönges: Der Südsudan ist an sich ein sehr fruchtbares Land. Es gibt also keine natürliche Ursache für die Nahrungsmittelknappheit. Allerdings können Bauern wegen der andauernden Kriegshandlungen und Vertreibungen ihre Äcker nicht mehr bestellen. Viele Menschen fliehen, entweder in Nachbarländer oder innerhalb des Südsudan. Etwa 200.000 Menschen suchen Schutz auf „Protection of civilians sites“ der Friedensmission der Vereinten Nationen. Manche retten sich vor dem Krieg in Sumpfgebiete, wo sie zwar sicherer vor Soldaten sind, in denen sich aber kein Ackerbau betreiben lässt. Unter Ernährungsunsicherheit leidet die gesamte Zivilbevölkerung. Die Hungersnot betrifft derzeit knapp die Hälfte der Bevölkerung, quer durch alle ethnischen Gruppen, mit steigender Tendenz. Schon im Juni 2016, vor dem erneuten Kriegsausbruch, war die Ernährungssituation dramatisch. Unterernährung macht gerade Kinder noch viel anfälliger für Krankheiten. Es wächst im Südsudan derzeit eine Generation auf, deren Leben von Hunger und Krieg geprägt ist.

Was können Hilfsorganisationen in dieser Situation leisten?

Dönges: Humanitäres Engagement vor Ort, zum Beispiel durch die Lieferung von Hilfspaketen, ist nach wie vor wichtig. Humanitäre Akteure sollten sich gemeinsam dafür einsetzen, Zugang zu allen Teilen der betroffenen Bevölkerung zu erhalten. Gerade außerhalb der Hauptstadt Juba ist die Arbeit für lokale wie für internationale Kräfte sehr schwierig, und die Regierung blockiert Hilfsleistungen zu Menschen, die nicht durch die Regierungstruppen kontrolliert oder als loyal empfunden werden. Entwicklungszusammenarbeit mit der Regierung ist auch problematisch, da diese nicht in Ernährung, Infrastruktur oder Bildung investiert, sondern in Kriegsführung.

Wie schätzen Sie die Chancen für eine Entspannung des Konflikts ein?

Dönges: Konfliktlösungsstrategien im Südsudan erfordern einen langen Atem. Kurzfristig kann sich die Lage durchaus noch weiter verschlechtern. Eine Chance ist sicherlich die aktuell gestiegene weltweite Aufmerksamkeit für das Kriegsgeschehen im Südsudan. Ziel muss es zunächst sein, die Gewalt zu reduzieren. Daher halte ich ein Waffenembargo für sinnvoll. Wichtig ist es außerdem, legitime zivile Akteure im Land wie Kirchenvertreter, Richter und Journalisten zu stärken. Das gestaltet sich allerdings schwierig, da sie von den Regierungstruppen eingeschüchtert und laut Menschenrechtsorganisationen zum Teil auch verschleppt werden. Erschwerend für den Friedensprozess kommt hinzu, dass alle Entwicklungsindikatoren für den Südsudan sehr niedrig sind. So sind zum Beispiel die Analphabetenrate und die Kindersterblichkeit hoch.

Hannah Dönges ist Forscherin am Centre on Conflict, Development and Peacebuilding (CCDP) des Graduate Institute in Genf und derzeit Gast in der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Schwerpunkt ihrer Forschung: Der Schutz der Zivilbevölkerung in bewaffneten Konflikten am Beispiel des Südsudan.

Zu ihrer aktuellen Kurzstudie „Peacekeeping am Limit“